Theologische Erwachsenenbildung im jüngeren Seniorenalter • Teil 1: EINLEITUNG
  Theologische Erwachsenenbildung
im jüngeren Seniorenalter
 
Theologische und geragogische Aspekte im Anschluss an das Projekt "Theologie für Interessierte"

Von Gunther Seibold

Einleitung

1. Zum Thema
Die vorliegende Arbeit analysiert mit dem dreimal vom Verfasser durchgeführten Projekt Theologie für Interessierte (ThI) eine theologische Bildungsveranstaltung für die Zielgruppe der sogenannten jungen Senioren. Bei der Auswertung kommen Theologie und Gerontologie interdisziplinär ins Gespräch. Beide Wissenschaften berühren sich hier nach ihrer pädagogischen Seite.
Inhaltlich birgt das hier vorgestellte Projekt ThI in mehrerer Hinsicht interessantes Potential. Neben der relativ seltenen Verbindung von (zumal evangelischer) Theologie und Gerontologie gründet das darin, dass es sich je unterschiedlich zum Trend verhält: Da ist einerseits das Thema »theologische Erwachsenenbildung«, das im Bereich der Erwachsenenbildung zurzeit Boden verliert (vgl. Lück/Schweitzer 1999,136f). Andererseits ist im Gefolge der Verwerfungen in der gesellschaftlichen Altersstruktur das Thema »Altenbildung« im Boom (Evers 1999,239) und "weltweit ein Entwicklungsfeld" (Wallraven et al. 2000,13).
Die Arbeit kann zeigen, welche Aufgaben theologischer Erwachsenenbildung heute zukommen und inwiefern eigene Bildungsangebote für Ältere begründet sind.

Einführung in die Arbeit

Im Folgenden soll das Projekt ThI dargestellt und ausgewertet werden. Dazu werden in einem beschreibenden I. Hauptteil die drei Durchgänge nachgezeichnet, die das Projekt bisher erfahren hat. Anschließend werden unter II. die Fragestellungen für die Besprechung entwickelt. Im analytischen III. Hauptteil werden zuerst (A) konzeptionelle Fragen einer theologischen Erwachsenenenbildung aufgegriffen und dann (B) geragogische Fragestellungen behandelt. Im Schlussabschnitt (IV.) werden die Ergebnisse für ThI kurz zusammengefasst sowie Aspekte einer zukünftigen theologischen Bildungsarbeit im jüngeren Seniorenalter formuliert.

Neben der Beschreibung von ThI sind der Arbeit im Original (nicht hier im Web) im Anhang einzelne Dokumente aus der Durchführung des Projektes zur Veranschaulichung beigegeben. Im Anhang finden sich dort weiter Dokumente dreier Projekte, mit denen der Verfasser Erfahrungen machen konnte: Die Fortbildungsarbeit der LageS, das Mittwochfrühstück Schorndorf und Urbacher Seniorenarbeit.

Selbständige Literatur (zur Zitation s. Literaturverzeichnis) zum Thema theologische Altenbildung gibt es außer Gelegenheitsliteratur und einzelnen Hinweisen praktisch keine. Literatur zur evangelischen Erwachsenenbildung greift das Thema und die Zielgruppe Alter kaum auf. Weil die theologische Erwachsenenbildung derzeit nicht so stark Konjunktur hat, kommt sie auch in den interdisziplinären Arbeiten kaum vor. Ohnehin wird in Deutschland - anders als in den USA (Vgl. Kimble et al. 1995, Koenig 1994 u. 1995) - nur von seiten der Theologie nennenswert interdisziplinär im Bereich Gerontologie und Religion gearbeitet. Die theologischen Anläufe sind dabei bisher über Einzeluntersuchungen nicht hinausgekommen (evang.: Koch-Straube 1979, Joss-Dubach 1987, kath.: Blasberg-Kuhnke 1985, Hungs 1988). Unter dem Titel »Alter, Bildung, Religion« hat Evers (1999) eine Monographie vorgelegt. Er diskutiert dabei hauptsächlich philosophische Ansätze der Biografik und kommt nur in der Darstellung von Ansätzen zur praktischen Altenbildungsarbeit. Zur kirchlichen Altenbildung gibt es schließlich noch einige Dokumentationen von Tagungen der Fachverbände für kirchliche Altenarbeit sowie kleinere Veröffentlichungen.
So wurde vor allem auf Standardwerke für die einzelnen Wissenschaften zurückgegriffen. Für die evangelische Erwachsenenbildung ist dies das neue Grundlagenbuch von Lück/Schweitzer (1999). Dazu treten die EKD-Äußerungen (v.a. 1983+1997), das Buch zur Bildung von Nipkow (1990) sowie aktuelle Dokumentationen und Lexikonartikel.
Für die Geragogik ist zuerst das ganz neue »Handbuch Altenbildung« (Becker et Al. 2000) zu nennen, ferner die gerontologischen Handbücher von Oswald et al. (1991) und Baltes et al. (1992). Dazu stehen kleinere Veröffentlichungen des Volkshochschulverbandes und Monografien zur Bildung im Alter zur Verfügung.

2. Einführung in die Begrifflichkeit
Im Titel dieser Arbeit verbergen sich mehrere Begriffe, die häufig ungeklärt verwendet werden und teilweise umstritten sind.
»Theologisch« bezieht sich, wie die Wortzusammensetzung in »Theologie« (gr. theos+logia) zum Ausdruck bringt, auf »die Rede von Gott (bzw. vom Glauben an Gott)«. Im hier zu bedenkenden Kontext der »theologischen« Erwachsenenbildung soll die weite Grundbedeutung focussiert werden auf die reflektierte, sich auf die neuzeitlichen Kommunikationsbedingungen beziehende Äußerung des Glaubens. Damit ist ein Bezug zur »wissenschaftlichen Theologie« hergestellt, wenn damit keine auf den Bereich der Universität eingegrenzte Theologie, sondern eine allen zugängliche Theologie gemeint ist, auf die sich die universitäre Forschung als Funktion im Interesse der gemeinsamen Suche nach einer maximalen Präzision bezieht. Der vorliegende Begriff von theologischer Erwachsenenbildung grenzt sich damit zum einen ab von einer zu engen Einschränkung von »theologisch« auf kirchliche und universitäre Lehre. Zum andern vermeidet er im Blick auf die Erwachsenenbildung eine zu weite religiöse Auffassung, die jede religiöse Äußerung für Theologie erklärt und die Begriffe »religiös« und »theologisch« austauschbar verwendet.
Der »Erwachsenenbildung«, wie sie hier verstanden wird, liegt ein Bildungsbegriff zugrunde, der eine umfassende Lebenskompetenz intendiert, also auf Mündigkeit, Selbstbestimmung und Freiheit zielt. Er meint, mit Schibilskys Überlegungen aus dem Hinblick ältere Menschen heraus gesprochen, "nicht allein kulturelle, wissenschaftliche, historische Kenntnisse, sondern die Fähigkeit, sich mit der eigenen Lebensgeschichte auseinanderzusetzen" (1999,21). Es geht um einen Bildungsbegriff, "der Lebenswissen und Glaubenswissen korrelativ aufeinander bezieht" (1999,22).
Auch die theologische Erwachsenenbildung ist damit in einen Horizont genommen, der den Bereich des Reflektierten übersteigt, auch wenn das theologische Anliegen die Reflexion bleibt. »Theologische Erwachsenbildung« zusammengenommen bezeichnet "das religionspädagogische Bemühen, Erwachsene [...] unter Berücksichtigung der alters- und lernspezifischen Eigenart ihrer Erfahrung zu einer [...] Glaubensreflexion [...] zu führen" (Wegenast/Lämmermann 1994,143f). Weil Altenbildung auch Erwachsenenbildung ist, kann der Begriff »Erwachsenenbildung« für alle die Teile dieser Arbeit leitend bleiben, die sich nicht explizit auf das hier nachfolgend Seniorenalter genannte höhere Erwachsenenalter beziehen.
Das »jüngere Seniorenalter«, öfter auch plakativ »junges Alter« genannt, bezeichnet die Lebensphase, deren Beginn durch das Ausscheiden aus dem Berufsleben markiert wird. Sie ist zum Ende hin abzugrenzen von der Hochaltrigkeit, die sich durch starke altersbedingte Verluste anzeigt (vgl. Bubolz-Lutz 2000). Diese Lebensphase wird in der Gegenwart immer länger und etabliert sich mit der »Biographisierung des Ruhestands« (Coper/Kohli 1992,255) als eigenständige Lebensphase. Immer mehr Menschen erleben eine "zweite Jugend" nach den Beschränkungen durch den Beruf und bevor die Beschränkungen durch das Alter dominieren. Positiv gewendet ist damit eine Lebensspanne gewonnen frei von Erwerbstätigkeit bei gleichzeitig vorhandener geistiger und körperlicher Leistungsfähigkeit. Für den Bildungsbereich wird diese Zeit auch durch körperliche Einschränkungen nicht unmittelbar verkürzt. Chronologisch lässt sich das jüngere Seniorenalter für die heutige Generation etwa in die Spanne zwischen 55/60 und 70/75 Lebensjahren datieren.
»Geragogisch« bezeichnet die Verbindung von Gerontologie und Pädagogik und ist abgeleitet von »Geragogik« (zur Begriffsgeschichte: Veelken 2000,88). Diese steht synonym für »(Wissenschaft von der) Bildung im und für das Alter« (geros = gr. alt). Dafür wird allgemein das deutsche Wort Altenbildung verwendet. Da jedoch zu letzterem keine brauchbare adjektivische Form existiert (»altenbildungswissenschaftlich«?), wurde für den Titel dieser Arbeit der entlehnte Begriff »geragogisch« verwendet. Manche meiden diesen Begriff, weil sie betonen, dass es für das Alter keiner eigenen Pädagogik bedarf. Dabei wird die Kontinuität zum Erwachsenenalter wegen bleibender Kompetenzen betont. Andererseits wird Geragogik von einigen auch als umfassender Begriff gleichbedeutend mit Sozialgeragogik verwendet. Für diese Arbeit wird »geragogisch« im anfangs bezeichneten Sinne analog zu »andragogisch« verwendet, indem das bekannte Wort »pädagogisch« durch den entsprechenden Altersbezug präzisiert wird. Geragogik ist "Lebensalterpädagogik" (Schneider 1993,14) und als solche sowohl Teilgebiet der Gerontologie wie der Pädagogik.

 
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Teil 2: BESCHREIBUNG DES  PROJEKTS

Teil 3: Fragestellungen
Teil 4: Theologische Analyse
Teil 5: Geragogische Analyse
Teil 6: Schluss
Teil 9: Literaturverzeichnis
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Stand: 20.06.2000