Theologische Erwachsenenbildung im jüngeren Seniorenalter • Teil 4: THEOLOGISCHE ANALYSE
  Theologische Erwachsenenbildung
im jüngeren Seniorenalter
 
Theologische und geragogische Aspekte im Anschluss an das Projekt "Theologie für Interessierte"

Von Gunther Seibold

III Analytischer Teil
In diesem Teil werden die unter II. aufgeworfenen Fragestellungen aufgegriffen. Zuerst werden jeweils Grundlagen aus der wissenschaftlichen Diskussion dargestellt und anschließend die Erfahrungen mit ThI in das dargestellte Spektrum eingezeichnet. Geragogisches und Theologisches wird dabei aufgrund der Konkretion am Projekt immer wieder ineinanderfließen.

A. Theologische Aspekte
1. Konzeption theologischer Erwachsenenbildung
In der Erwachsenenbildungsdiskussion bezeichnen unterschiedliche Begriffe wie »religiöse«, »evangelische«, »kirchliche« oder »theologische« Erwachsenenbildung auch unterschiedliche Konzeptionen. Die Begriffe werden aber außerdem öfter unterschiedlich aufgefasst. »Theologische Erwachsenenbildung« ist beispielsweise in der katholischen Erwachsenenbildung als umfassender, aber kirchlich gebundener Begriff gebräuchlich.
Im Folgenden soll aufgrund der Erfahrungen mit ThI eine Konzeption evangelischer theologischer Erwachsenenbildung entwickelt werden. Dazu gilt es, (a) den Kontext der gegenwärtigen Diskussion darzustellen. Dann ist das Projekt ThI darin einzuordnen und (c) sein Traditionshintergrund und Theologiebegriff zu bestimmen, ehe daraus folgend (d) eine vierfache Kommunikationsaufgabe theologischer Erwachsenenbildung beschrieben werden kann.

a. Im Kontext von religiöser Bildung und Gemeindepädagogik

In der Erwachsenenbildungsdiskussion zu religiösen und kirchlichen Themen gewannen in jüngerer Zeit zwei Perspektiven wachsende Bedeutung: Das Konzept (1) einer »religiösen Bildung Erwachsener« und (2) die »Gemeindepädagogik«.
(1) »Religiöse Bildung Erwachsener« und »kirchliche Trägerschaft«
Zur religiösen Bildung Erwachsener haben Lück/Schweitzer eine erste evangelische Gesamtdarstellung vorgelegt (1999). Sie gehen von einem sehr weiten Religionsbegriff aus, der "gleichsam über den Religionen steht oder sich allen Religionen gleichermaßen verpflichtet fühlt" (14). Dieser Religionsbegriff setze an bei den "Sinnfragen", bei Fragen der "Lebensdeutung" und "Probleme[n] der ethischen Orientierung" (15). Der Horizont ihrer Darstellung ist denn auch - trotz der evangelischen Perspektive - die Erwachsenenbildung aller gesellschaftlichen Träger auch über den kirchlichen Bereich hinaus (speziell 81ff). "Zusammenfassend", so Lück/Schweitzer, "kann religiöse Bildung Erwachsener als ein Angebot beschrieben werden, das von im weitesten Sinne religiösen Fragen Erwachsener ausgeht, das bildungstheoretisch begründet ist und das auf religiöse Mündigkeit zielt" (17). Als solche gehöre religiöse Bildung - aus praktischen und humanwissenschaftlichen Gründen - "konstitutiv zur Bildung mit hinzu" (81).
Im Sinne einer offenen religiösen Bildungsarbeit hat sich auch die EKD in ihrer Stellungnahme "Orientierung in zunehmender Orientierungslosigkeit" (1997) geäußert. Während in früheren EKD-Dokumenten "der Ausgangspunkt [...] deutlich beim kirchlichen Christentum" bleibt (Lück/Schweitzer 1999,35), nimmt sich die kirchliche Prägung in der neuesten Stellungnahme auf den Aspekt einer »kirchlichen Trägerschaft« zurück (EKD 1997,29-35). Auch wenn Stellung zur "Evangelische[n] Erwachsenenbildung in kirchlicher Trägerschaft" (Untertitel) genommen wird, geht doch das Bildungsziel über die Kirche weit darüber hinaus: Evangelische Erwachsenenbildung soll "jedermann zugute kommen, nicht nur der eigenen Kirchenmitgliedschaft" (40).
Bereits in der Reformation hatten sich die protestantischen Kirchen ähnlich über Kirchengrenzen hinaus orientiert. Man ordnete kirchlicherseits die Volksbildung, zählte aber Erziehung und Bildung theologisch zu den weltlichen Dingen der Sittlichkeit. Dabei wurde darauf geachtet, dass sie sich nicht verselbständigen, weil Erziehung und Bildung in theologischer Sicht unter Gottes Geboten stünden (Nipkow 1992,207).

(2) Gemeindepädagogik
Mit dem Begriff Gemeindepädagogik sollen gemeindliche Bildungsarbeit und pädagogische Aspekte der sonstigen Gemeindearbeit zusammengefasst werden (vgl. EKD 1982,214). Sie orientiert sich gemeindeintern und reicht von der gemeindlichen Erziehungsarbeit mit kleinen Kindern bis zur Altenarbeit.
Die Gemeindepädagogik hat ihre Wurzeln im frühesten Christentum. Jesus war »Lehrer« (EKD 1997,36) und zur Taufe gehörte schon früh die Katechese (Mt.28,20). Über die Jahrhunderte kam es allerdings dazu, dass theologische Gelehrtheit mehr und mehr dem Klerus vorbehalten blieb.
Die Reformation erhob dagegen Einspruch und initiierte ihrerseits eine vielfältige Lehrtätigkeit für Klerus und Laien in Haus, Gottesdienst und Schule (Nipkow 1992,207ff). Die reformatorischen Katechismen wurden die Lehrpläne der kirchlichen Katechetik.
Seit Beginn der 70er Jahre ist die Gemeindepädagogik in ihrer Bedeutung ganz neu erkannt worden (EKD 1997,34). Mit ihrer Hilfe soll vor allem in einer Welt, in der das Christentum nicht mehr selbstverständlich ist, die christliche Mündigkeit gestärkt werden (Bizer 1988,704).
Mit dem Ziel, klaren Glauben zu vermitteln, wird im Kontext der Gemeindepädagogik (vgl. Nipkow 1992,109) öfter auf die Notwendigkeit einer »Elementartheologie« (Lück/Schweitzer 1999,72) hingewiesen. Gemeindepädagogik hat weniger die Problematisierung von Glaubensinhalten als die Vergewisserung der Grundlagen des Glaubens zum Ziel.

(3) ThI im Kontext der Erwachsenenbildungsdiskussion
ThI will, darauf weist der Titel der Reihe hin, als »theologische Erwachsenenbildung« verstanden werden. Wie verhält sich eine von ThI her entwickelte Konzeption theologischer Erwachsenenbildung im Kontext der eben dargestellten Positionen?
Zur religiösen Bildung Erwachsener gehört ThI dazu, auch wenn die Bezeichnung »religiöse Erwachsenenbildung« für das Projekt selbst zu weit ist. Dabei gehört ThI in der Matrix von Lück/Schweitzer (1999,17-26) in den kirchlichen Begründungszusammenhang von religiöser Erwachsenenbildung. Ein "bleibendes Recht" gestehen die Autoren Angeboten wie ThI aber auch in einem individuellen Begründungszusammenhang zu für Menschen, "die sich ausdrücklich für kirchliche bzw. theologische Themen interessieren", obwohl ein "thematisch-sachorientiertes Angebot" stark mit dem herkömmlichen Bildungsverständnis korrespondiere (19).
Von der Kategorie kirchliche Erwachsenenbildung wird ThI in der durchgeführten Form zwar erfasst, da die Veranstalterin in allen Fällen die örtliche Kirchengemeinde war. Dennoch trifft der Begriff die Konzeption von ThI nicht ganz. Zum Einen lag ThI kein kirchlich gebundener Theologiebegriff zugrunde. Der Referent war beim ersten Seminar noch ohne kirchliches Amt. Kirchliche Formen (z.B. Tauferinnerungsfeier) haben sich im Verlauf durch das kirchliche Umfeld eingestellt, aber die Veranstaltung war nicht auf diesen Punkt hin geplant gewesen. Für ThI in der durchgeführten Form eignet sich der in EKD 1997 vorgeschlagene weitere Begriff der kirchlichen Trägerschaft (s.o.) gut.
Von der Gemeindepädagogik unterscheidet sich ThI. Zwar gibt es starke Berührungen, vor allem beim Interesse der Laienbildung, aber ThI will doch offenere Bildungsarbeit sein. Bei ThI wurde kein funktionales gemeindebezogenes Interesse geltend gemacht (z.B. Gemeindeaufbau o.ä.). Eine Eingrenzung der Zielgruppe auf die Gemeinde fand gerade nicht statt. ThI folgte keinem kirchlich-katechetischen Lehrplan, sondern war inhaltlich frei dem Zusammenspiel zwischen Teilnehmenden und Veranstalter überlassen. Bei ThI wurde in der Person des Referenten zwar ein Standpunkt vertreten, aber das Ganze wurde ergebnisoffen und mit der vorfindlichen theologischen Vielfalt präsentiert. Im Gegensatz zu einer Elemtartheologie wurde auch problematisiert und verschiedene Meinungen konnten stehen bleiben.

b. Theologiebegriff theologischer Erwachsenenbildung


Eine Konzeption theologischer Erwachsenenbildung, wie sie hier vom Projekt ThI her vertreten wird, möchte eine spezifische Bildungschance beschreiben. Sie tut dies durch ihre Profilierung zwischen dem weiteren Kontext der religiösen Erwachsenenbildung und der binnenkirchlichen Pädagogik.
Bei der Begründung spielt das zu Grunde gelegte Verständnis von Theologie eine tragende Rolle. Im Anschluss an die in der Einleitung gegebenen Hinweise wird hier der Theologiebegriff focussiert auf die reflektierte, sich auf die neuzeitlichen Kommunikationsbedingungen beziehende Äußerung des Glaubens.
Dabei unterscheidet sich Theologie von einer freien religionswissenschaftlichen Kommunikationswissenschaft dadurch, dass sie sich zu Prämissen aufgrund von Glaubensüberzeugungen bekennt. "Theologie ist eine Funktion des Glaubens" (Härle 1995,10). Wer Theologie treibt, treibt sie von einem Gottesverständnis her und bezogen auf die eigenen Tradition. Aber er ist bereit und fähig, solche Prämissen zu reflektieren. Dadurch wird er offen dafür, andere Theologien mit andern Prämissen zu verstehen und das religiöse Gespräch auch über den je eigenen Glauben hinaus zu klären und zu strukturieren. Ein theologisch neutrales Gespräch über Religion ist jedoch Fiktion. Jedes aufrichtige theologische Angebot ist daher auch das Angebot, sich frei mit den jeweiligen theologischen Standpunkten auseinanderzusetzen.
Tragend in dieser Bestimmung von Theologie ist ihre Funktionalität, nicht ein normativer Inhalt. Theologie reflektiert Inhalte kritisch, auch den eigenen Glauben. In christlicher Tradition haben die theologischen Fakultäten die Aufgabe übernommen, religiöse Gegenwart und Schrift und Bekenntnis kritisch aufeinander zu beziehen. Darüber hinaus versucht wissenschaftliche Theologie, gegenwärtige Glaubensaussagen zu präzisieren, zu klären und zu strukturieren.
Für die Bildung bedeutet das, dass Theologie für den wissenschaftlichen Prozess der Erschließung steht und nicht für ein festes System von Glaubensinhalten. Bei ThI kam der erste Durchgang, der die Theologie selbst zum Thema machte, dieser Bestimmung am nächsten. Die "Einführung in die wissenschaftliche Denkform selbst" gilt als wissenschaftlich-theologisch wichtiger als die Information (Dreher/Lang 1969,71).
Auch im Konzept der religiösen Bildung Erwachsener bei Lück/Schweitzer wird die Leistungsfähigkeit und Funktion der Theologie in vergleichbarer Weise aufgefasst: Theologie hat in Bezug auf die Religion eine funktionale und interpretatorische "Strukturierungs- und Klärungsleistung" zu erbringen (1999,71).

Die spezifische Bildungschance theologischer Erwachsenenbildung besteht darin, die Möglichkeiten dieses Theologiebegriffs für die Bildungsarbeit zu nutzen. Vorzug der wissenschaftlichen Theologie ist, dass sich die Kirche auf sie beziehen muss und gleichzeitig der Außenstehende, Suchende und Kritisierende sich auf sie beziehen kann, weil sich das theologische Gespräch seinerseits auf die »wissenschaftlichen« neuzeitlichen Kommunikationsbedingungen einlässt (vgl. Härle 1995,16f). Theologische Erwachsenenbildung kann vor Ort in der Gemeinde die Funktion sein, die ein Auftrag der theologischen Fakultät für die Gesellschaft ist: Katalysator zum interdisziplinären Kommunikationsgeschehen. Nicht erwartet werden kann mit dem vorliegenden theologischen Bildungsbegriff, dass Theologie unmittelbaren Gemeindeaufbau betreibt, erzieht oder überredet. Glauben kann man nicht machen - auch mit theologischer Methodik nicht.

c. Die vierfache Kommunikationsaufgabe theol. Erwachsenenbildung


Im Folgenden werden im Anschluss an den auf dem Hintergrund von ThI entwickelten Theologiebegriff vier Dimenisonen entwickelt, in denen theologische Erwachsenenbildung eine Kommunikationsaufgabe von bleibender Bedeutung erfüllen kann:
(1) theologische Wissenschaft und Laien,
(2) kirchliche Lehre und Außenstehende,
(3) gegenwärtige Lebenswelt und historische Quellen,
(4) individuelle Ansätze in der Gruppe.

(1) Theologische Wissenschaft und Laien vermitteln
Das hier beschriebene Projekt ThI hat im ursprünglichen Ansatz versucht, zur Kommunikation von Universitätstheologie und Gemeinde beizutragen. Dieser Ansatz, durch theologische Bildung die Laien und die Ausgebildeten einander näherzubringen, ist nicht neu.
Nachdem bereits im Mittelalter manche Initiativen die Kluft von Klerus und Laien zu überbrücken suchten, war vor allem die Reformation mit ihrem Gedanken vom allgemeinen Priestertum der Gläubigen in dieser Richtung wirksam. Laien wurden ausgebildet, sie erhielten die Bibel in ihrer Sprache und übernahmen kirchenleitende Verantwortung, vor allem im reformierten Bereich.
Seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert lebt im Pietismus das Interesse an einer theologischen Bildung der Laien auf. Es orientierte sich überwiegend auf die Bibelauslegung. Laien wurden in den Gesprächskreisen zu selbständigen Bibelauslegern und brauchten dazu theologisches Wissen. In der Erweckungsbewegung war außerdem ein Motivans, dass Laien ebenbürtige Gesprächspartner der Pfarrer werden wollten. Als Beispiel dafür wird vom Siegerländer Bauern erzählt, der hinter seinem Pflug her griechische Vokabeln gelernt habe.
In neuerer Zeit zielte die »Laienbildung« in den 50er-Jahren auf größere Kompetenz der Laien (EKD 1997,53). "Jeder Christ soll seinen Glauben selbst verantworten und sich selbst aus der Schrift belehren können" (Lück/Schweitzer 1999,25). Ob dabei eine »Theologie der Laien« oder eher eine »Theologie für Laien« (so unterscheidet Luther 1984,47 verschiedene Ansätze) herauskommt, dürfte keine wesentlichen Unterschiede ergeben, solange klar ist, dass es nicht um eine andere Theologie geht. »Laientheologie« "geht es um das selbständige Denken und Urteilen von Laien in theologischen oder religiösen Fragen" (Lück/Schweitzer 1999,70).
Bezüglich der gemeindeinternen Kommunikationsaufgabe übernimmt theologische Erwachsenenbildung eine gemeindepädagogische Funktion (vgl. EKD 1982,215).

(2) Kirchliche Lehre und Außenstehende vermitteln
Von einer theologischen Bildungsveranstaltung kann ein Skeptiker und Kritiker erwarten, dass er nicht durch Predigt überzeugt werden will, sondern dass er eine methodisch korrekte, klärende Gesprächsatmosphäre antrifft. Gleichzeitig werden ihm durch den Hintergrund der Theologie die christlichen Positionen nicht vorenthalten, mit denen er sich auseinandersetzen will. Theologische Erwachsenenbildung kann als »informelle Teilgabe am theologischen Denken der Zeit« fungieren (s. Meier 1979,66-69).
Theologische Erwachsenenbildung hatte für die Kirche auch immer wieder apologetische Funktion. Mit dem hier vertretenen Theologieverständnis ist aber zu beachten, dass Theologie in der Bildungsarbeit zwar kirchliche Positionen begründen kann, aber auch gegenteilige Argumente formuliert (67), ergebnisoffen diskutiert und nie das Urteil für den andern fällt.
Bei ThI haben sich beim ersten und dritten Mal Menschen eingefunden, die eher von außen in Kontakt mit der Kirche kamen. Die theologische Methodik machte das Gespräch mit ihnen möglich, auch wo Positionen verschieden waren.


(3) Gegenwärtige Lebenswelt und historische Quellen vermitteln
"Zentrales konzeptionelles Leitprinzip für die [evangelische Erwachsenenbildung ...] ist die Orientierung an der Lebenswelt" (EKD 1997,44). Sowohl außer- wie innerkirchlich gibt es in der gegenwärtigen Lebenswelt immer weniger Bezüge zu den geschichtlichen Quellen der Religion und des Glaubens. Die Theologie hat andererseits die Erforschung und Tradierung dieser Quellen seit Jahrhunderten gepflegt und sie für die Gegenwart aufbereitet. Aus beiderseitigem Interesse ist das Gespräch zwischen der gegenwärtigen Lebenswelt und den historischen Quellen notwendig. Dafür ist ein theologisches Bildungsangebot der geeignete Ort.
ThI hat zwar zunehmend die Aspekte der Lebenswelt der Teilnehmenden in den Vordergrund gerückt. Dennoch sollte, mit diesem Wunsch waren die Teilnehmenden ja gekommen, der Bezug zur Tradition und zu den Quellen für das Erschließen der Themen ständig präsent bleiben.

(4) Individuelle Ansätze in der Gruppe vermitteln
Teilnehmende in religiösen Bildungsveranstaltungen bringen ihre je eigene Theologie mit. Von einer theologischen Bildungsveranstaltung kann erwartet werden, dass das Gespräch über die persönliche Ebene hinaus nach der Sache so präzise gestaltet wird, dass es gegenseitiges Verstehen ermöglicht. Theologie muss versuchen, die subjektiven religiösen Erfahrungen und Meinungen so zu klären und zu strukturieren, dass Gemeinsamkeiten und Unterschiede benannt, bewertet und beieinander bestehen können.
Bei ThI gab es unterschiedlichste Frömmigkeiten in einer Gruppe. Die theologische Leitung bestand unter diesem Aspekt darin, Gemeinsamkeiten herauszufiltern und die Unterschiede zu benennen, die stehenbleiben mussten. Theologische Qualifikation ist auch nötig, wo bei einzelnen Gesprächsbeiträgen das zugrundeliegende theologische System mitgehört werden muss, damit sie verständlich werden. Nicht zuletzt befähigt die biblische und historische theologische Qualifikation dazu, das Gewicht einzelner Argumente oder Bibelstellen zu beurteilen und dann entsprechende Ergänzungen oder Klärungen in die Diskussion zurückzugeben.


2. Inhalte und Methoden der Theologie in der Erwachsenenbildung
Das weite Feld der theologischen Pädagogik kann hier nur in einigen Schlaglichtern zu (a) didaktischen, (b) inhaltlichen und (c) methodischen Ansätzen beleuchtet werden. Aus dem weiten religionspädagogischen Bereich kommen dabei speziell die für theologische Erwachsenenbildung und das Projekt ThI exemplarischen Pointen zur Sprache.

a. Didaktische Ansätze


Auch in der Theologie werden die aktuellen, schon oben für die geragogische Bildung behandelten allgemeindidaktischen Ansätze vertreten. Ein weiter Bildungsbegriff, Lebenswelt- und Erfahrungsbezug, Selbstbestimmung des lernenden Subjektes sollen zu Mündigkeit, Befreiung und Veränderung führen. Die Teilnehmerorientierung soll sich in induktivem Lernen auswirken. Es geht nicht darum, ungefragt Antworten zu geben, sondern in einen "gemeinsamen Suchprozess" zu kommen (Lück/Schweitzer 1999,102).
In theologischer Erwachsenenbildung, wie sie hier erörtert wird, bedeutet Teilnehmerorientierung auch, den Wunsch der Interessierten nach dem klassischen theologischen Wissen ernst zu nehmen und die entsprechenden Themen mit der Lebenswelt in Beziehung zu setzen. Theologisch-pädagogisch soll es nicht um eine dem Teilnehmer entgegengebrachte Elementartheologie gehen, sondern um eine theologische Elementarisierung des Bildungsstoffes, die Lebenswelt und Gegenstand in einen elementaren Zusammenhang bringt.
Politische, emanzipatorische, ethische und religiös vergewissernde Konsequenzen, so hofft dieser theologische Erwachsenenbildungsansatz, werden sich daraus für die Teilnehmenden aus der Sache selbst ergeben. Die Teilnehmenden sollen aus der vierfachen theologischen Kommunikation heraus in die Lage versetzt werden, in ihrer eigenen theologischen Selbstreflexion weiter zu kommen.
Die Themen bei ThI ließen dieses Wechselspiel erkennen: Auch der dogmatische Stoff war Wunsch der Teilnehmenden. Die theologisch-didaktische Aufgabe wurde es, diesen Inhalt und die Erfahrungswelt zueinander in Beziehung zu setzen. Die Themen wurden im Alltag aufgesucht und vor dem Hintergrund der Lehrtradition gedeutet mit dem Ziel, der Sache gegenüber selbst theologisch mündig zu werden.

b. Inhaltliche Ansätze


Lück/Schweitzer unterscheiden bei religiösen Bildungsangeboten für Erwachsene dreierlei Ansätze: thematisch-sachorientierte, biographiebezogene und erfahrungsbezogene (1999,19ff).
ThI ist in dieses Schema vom Titel her als thematisch-sachorientierte Veranstaltung einzuordnen. Die Themenformulierung war sachlich gehalten und ohne Bezug zur Person formuliert. In der Durchführung ergaben sich dagegen Überschneidungen zu den biographie- und erfahrungsbezogenen Bereichen. Im Falle von ThI ergaben sich alle Themen nicht aus einem Lehrplan oder anderen vorstrukturierten Überlegungen heraus, sondern aus konkreten Anregungen aus der Lebenswelt von Veranstalter und Teilnehmenden.
Das entspricht dem hier vertretenen Theologiebegriff. Er führt nicht zu einer Abbilddidaktik. An Theologie Interessierte werden sich alles vornehmen, was theologisch reflektiert werden kann und an was sie selbst anknüpfen können (vgl. Lück/Schweitzer 1999,114). Zwar ergibt sich eine natürliche Affinität der Erwartungen an theologisches Arbeiten mit den Feldern der klassischen Theologie, aber neue, »nicht kanonisierte« Fächer auch interdisziplinären Charakters passen ebenso in den konzeptionelle Ansatz. Kriterium für die Theologie ist nicht ein bestimmter Inhalt, sondern die theologische Behandlung von Inhalten. Dabei geht es um die Art der Reflexion und den kommunikativen Bezug in allen vier Dimensionen. So können auch »nichttheologische« Inhalte Gegenstand theologischer Erwachsenenbildung werden.
Der Bezug zur vierfachen Kommunikationsaufgabe gibt auch Kriterien für das Ganze eines theologischen Bildungsangebotes vor, das aus allen Bereichen geschöpft werden sollte (vgl. Lück/Schweitzer 1999,113).

c. Methodische Ansätze


Einer theologischen Erwachsenenbildungsveranstaltung wie ThI stehen alle Methoden offen, die der theologischen Reflexion dienen können. Die Palette reicht vom Vortrag bis zur Meditation, von der Gruppe bis zur Einzelarbeit.
Auf die Vielzahl der Methoden kann hier nicht weiter eingegangen werden. Hingewiesen sei jedoch auf zwei methodische Brennpunkte, die der theologischen Kommunikationsaufgabe am nächsten stehen: Das Gespräch und die Arbeit mit Texten. "Wort und Schrift" sind "zentrale Kommunikationsmedien des Christentums" (Nipkow 1998,III).
(1) Theologisches Gespräch
Inhalt eines theologischen Gesprächs ist im Sinne des hier zugrundeliegenden Theologiebegriffs reflektierte Rede über den Glauben. Es geht dabei nicht um ein bestimmtes theologisches Niveau für jeden Redebeitrag. Das Gespräch ist dann theologisch, wenn darin Theologie ihrer Aufgabe gerecht wird im religiösen Kommunikationsprozess zu klären und zu strukturieren.
Dafür kann ThI ein Beispiel sein: Trotz einer Anzahl spielerischer Methoden und vieler Gesprächsbeiträge ohne reflektierten theologischen Anspruch blieb ThI eine Bildungsveranstaltung, die durch die Anwesenheit eines wissenschaftlich gebildeten Theologen geprägt blieb. Er hatte dafür zu garantieren, dass das theologische Gespräch zustandekam und durchgehalten wurde. Damit bewährte sich die veränderte Rolle der fachtheologischen Begleitung: Nicht der präsentierende theologisch-deduktive Lehrer war gefragt, sondern der Leiter eines Bildungsprozesses, der sich strukturierend bereithält, Anfragen aufgreift und durch Sichtweisen aus dem theologischen Wissen bereichert.
(2) Arbeit mit Texten
Der inhaltliche Beitrag der Theologie zum Gespräch besteht im Angebot von Texten. Sie treten ins Gespräch mit den Erzählungen und Meinungen der Teilnehmenden. Die spezifisch theologisch-wissenschaftliche Vorleistung besteht darin, dass Texte quellenkritisch aufgearbeitet sind und ihre Traditionsgeschichte bis in die Gegenwart verfolgt werden kann.
Damit ist auf die klassische Theologie Bezug genommen. Doch soll das Textverständnis bedeutend weiter aufgefasst sein: Zu den klassischen biblischen und historischen Glaubenszeugnissen kommen aktuelle Texte. Und dabei nicht nur worthafte Texte in Schrift und Sprache, sondern vor allem auch neue »Kon-Texte« - Bilder, Exkursionen oder Klänge. Deren theologische Exegese und Diskussion ist vielfach noch in den Anfängen.
ThI hat auf diesem Gebiet Erfahrungen gesammelt: Zu den Vortragsteilen und schriftlichen Texten kamen andere »Texte« wie Fotos, Grafiken, Szenen, Exkursion (ins Kirchengebäude) und anderes.

3. Pastoraltheologische Implikationen
ThI wurde zuletzt durch einen örtlichen Seelsorger veranstaltet, im Folgenden Pfarrer genannt. Eine solche Konstellation hat Folgen. Sie kann in den vier Dimensionen theologischer Kommunikation zu Rollenkonflikten führen. Für die außerkirchliche Kommunikation entsteht der Eindruck starker kirchlicher Verbindlichkeit (ad 2). Für das interne Gespräch des Pfarrers mit seinen Gemeindegliedern entsteht eine zweite Ebene: Neben der kritisch-theologischen bleibt oft die seelsorgliche Ebene latent gegenwärtig, in der es um Zuspruch und Vergewisserung geht (ad 1).
Auch ThI ließ erkennen, dass kritische, multiperspektivische Theologie die einen verunsichert und andere befreit. Aus dieser Problematik heraus ist zu beobachten, dass sich in gemeindlicher Erwachsenenbildung kritisch-theologische Tendenzen nicht finden. Pfarrer stellen unter den religiösen Erwachsenenbildnern eine Minderheit dar (EKD 1997,34).
Im Blick auf die ältere Generation wurde bei ThI und in andern Feldern (s. Seniorinnenhauskreis, Anhang F2) deutlich, dass die gegenwärtigen jüngeren Senioren, soweit sie aus der Kerngemeinde kommen, noch verhältnismäßig stark auf das klassische Rollenbild des Pfarrers als eines theologisch Maßgebenden fixiert sind. Vom Theologen wird Autorität in theologischen Fragen erwartet. Eine Unterscheidung von Person und Amt findet kaum statt und deshalb fällt es dem Theologen schwerer, kritische Fragen zu bedenken zu geben und eigene Fragen an die kirchliche Lehre zum Thema zu machen.
Es liegt nahe, theologische Erwachsenenbildung daher auf überörtliche Träger zu verlagern. Diese verbreitete Tendenz widerspricht allerdings der Dimension des theologisch-pädagogischen Kommunikationsauftrages, die der Verknüpfung von Laien und Theologen verpflichtet ist. Lösen kann dieses Dilemma nur ein plurales Angebot, das die jeweiligen Stärken von Ortsnähe und Fremdheit unterstützt: Überörtliche und örtliche Trägerschaft müssen sich in ihren Bildungsangeboten ergänzen, dürfen sich aber nicht gegenseitig die theologische Bildungsaufgabe ganz delegieren. Der Pfarrer vor Ort sollte Gelegenheit haben, mit theologischer Arbeit seiner Berufsaufgabe nachzukommen, gerade auch in der Bildung jüngerer Senioren (vgl. Frank Anhang D2,245ff).
 
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Teil 4: GERAGOGISCHE ANALYSE
Teil 1: Einleitung
Teil 2: Beschreibung Projekt
Teil 3: Fragestellungen
Teil 6: Schluss
Teil 9: Literaturverzeichnis
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Stand: 20.06.2000