Theologische Erwachsenenbildung im jüngeren Seniorenalter • Teil 6: SCHLUSS
  Theologische Erwachsenenbildung
im jüngeren Seniorenalter
 
Theologische und geragogische Aspekte im Anschluss an das Projekt "Theologie für Interessierte"

Von Gunther Seibold

IV Schluss
A. Zusammenfassender Blick auf das Projekt
Die Analyse hat ergeben, dass ThI bleibende Aspekte christlicher Bildungsarbeit in eine eigenständige Konkretion umgesetzt hat. Wie die Durchführung der Analyse zeigte, war das theologische Anliegen nicht altersspezifisch. Die Eingrenzung auf die Zielgruppe der jüngeren Senioren hat sich aber trotzdem bewährt, weil die Bildungsumgebung auf diese Weise positiv auf die Teilnehmenden eingehen konnte.

Als besondere Stärken des Projektes ThI können aufgrund der Erfahrungen und Analysen folgende Aspekte gelten:
ThI stieß in mehrfacher Hinsicht in eine Lücke der Gemeindearbeit, indem es ein neues Niveau theologischen Gesprächs suchte, thematisch sonst kaum (und erst recht nicht so gründlich) reflektierte Themen aufgriff. Das Angebot fand eine neue bildungsorientierte kleine Gruppe.
ThI ermöglichte die 4-fache Kommunikationsleistung theologischer Erwachsenenbildungsarbeit: Ins theologische Gespräch miteinander kamen (1) wissenschaftliche Theologie und Gemeindefrömmigkeit, (2) Fernstehende und Kirchlichkeit, (3) Gegenwart und historische Texte sowie schließlich (4) die individuellen Theologien der Teilnehmenden. Dabei war es möglich, im offenen Diskussionsraum zwischen weltabgewandtem Theologisieren und individualisierendem Therapieren zu bleiben.
ThI entwickelte sich mehr und mehr teilnehmerorientiert, d.h. gewann Themen und Methoden aus dem Kreis der Teilnehmenden und auf ihn zu. Dabei spielte der Bezug zur Altersgruppe der jüngeren Senioren eine bedeutende Rolle.
ThI ging methodisch über das gängige Schema »Vortrag plus Diskussion« hinaus. Die Teilnehmenden wurden mit neuen Methoden konfrontiert und versucht Theologie zum Erlebnis zu machen, bei dem über das akustische und visuelle Sprachverständnis hinaus auch andere Sinne einbezogen wurden.

Als Ausbaufähige Bereiche können für ThI festgehalten werden:
ThI hat bisher Themen bearbeitet, die - obwohl von Laien gewünscht - auch aus dem klassischen Lehrkanon hätten stammen können. Trotz des bleibenden Rechts dieser Grundthemen könnten zukünftig Erfahrungen mit stärker aktuellen oder persönlichkeitsbezogenen Themen hinzutreten.
ThI hat sich auf einen Referenten und die ortsgemeindliche Trägerschaft beschränkt. Erfahrungen mit eingeladenen Referenten und überörtlicher, gar nicht kirchlicher Trägerschaft würden bei ähnlicher Veranstaltungsführung noch bessere Rückschlüsse erlauben. Vielleicht könnten anschließend auch die Stärken des innergemeindlichen Veranstaltens noch besser profiliert werden.
ThI mangelt es an Erfahrungen aus vergleichbaren Projekten. Kontakte zu solchen könnten noch gesucht werden und auch versucht werden, ThI in anderen Kontexten umzusetzen.

B. Zusammenfassende Aspekte theologischer Erwachsenenbildung im jüngeren Seniorenalter
Jüngere Senioren können mit ihrer Verfasstheit am gesamten andragogischen Bildungsangebot partizipieren und kommen doch in speziellen Bildungsangeboten besser zum Zug. Durch dieses In- und Miteinander kommt es zu unterschiedlichen Akzentsetzungen: Die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Altenarbeit der EKD nennt das Alter "eine eigenständige und sinnvolle Lebensphase" und wünscht Bildungsangebote, die sich von andern unterscheiden (EAfA 1995,68). Andererseits wird von der Weigerung berichtet, ein eigenes Leitbild für die kirchliche Altenbildung zu entwickeln (LageS 1996,63).
Die Widersprüchlichkeit lässt sich auflösen, wenn man beides verbindet. Ein eigenes didaktisches Leitbild für das jüngere Seniorenalter ist nicht angezeigt, wohl aber ein spezielles Bildungsangebot, das sich insbesondere methodisch auf die Bedingungen im dritten Lebensalter einstellt.
Dieses Ineinander kann auch für die Funktion einer theologischen Erwachsenenbildung in der gesamten Bildungsarbeit aufgegriffen werden. Sie erfordert kein eigenes Leitbild in Bezug auf die Subjekte. Aber sie kann als spezielles Bildungsangebot mit besonderen Chancen entwickelt werden.

Den Lebensverhältnissen im jüngeren Seniorenalter kann durch die Tageszeit, den Umfang und auch den Radius der Veranstaltung entsprochen werden. Das kommt der theologischen Erwachsenenbildung entgegen, insofern sie eine Konzentration und Gründlichkeit erfordert, die Zeit braucht und an den Tagesrändern schwieriger wird. Mehrtägige Veranstaltungen oder Exkursionen bieten sich an.
Methodisch ist Rücksicht auf die neuronale Verlangsamung im Alter zu nehmen und die Lernumgebung entsprechend zu gestalten. An besondere Stärken kann im Bereich des Lebens- und Erfahrungswissens, des Potentials zur Selbstorganisation und Selbstbestimmung angeknüpft werden. Besonders die biografische Methode, verbunden mit dem Erzählen, greift das Lebenswissen auf. Für theologische Erwachsenenbildung im jüngeren Seniorenalter entsteht daraus die Aufgabe einer anspruchsvollen Elementarisierung. Der methodische Weg muss bei lebensweltlichen Sinnzusammenhängen ansetzen. Nicht im Niveau, wohl aber in der Geschwindigkeit und Fülle muss auf die Teilnehmer eingegangen werden. Bildungsinteressierte ältere Menschen freuen sich über neue methodische Versuche.
Inhaltlich stehen Menschen im jüngeren Seniorenalter aus der Rückschau heraus vor neuen Lebensaufgaben. Dieser Situation entsprechen Themen, die Übergänge, Loslassen und neu Anpacken, Grundkonstanten des Menschseins in Leben und Tod aufgreifen. Theologische Erwachsenenbildung kann diese Themen direkt aufgreifen. Sie hat aber auch wahrzunehmen, wo die klassischen Themen der Theologie in der Altersfreizeit neu wahrgenommen werden (»aufgeschobene Aktualität«) oder aus aktuellem Anlass neu befragt werden. Bei der Behandlung dieser klassischen Themen muss theologische Erwachsenenbildung im jüngeren Seniorenalter besonders die Anknüpfungspunkte in der biografischen Erfahrung zur Sprache kommen lassen. Sie kann als theologische Erwachsenenbildung Möglichkeiten der Lebensdeutung anbieten.
Didaktisch ist wahrzunehmen, dass jüngere Senioren immer weniger für die Zukunft und immer stärker für die Gegenwart lernen. Ziel wird eine transformative Bildung, bei der Inhalte unmittelbar umgesetzt werden. Theologische Erwachsenenbildung kann Anreize für ein emanzipiertes und waches Alter schaffen, indem sie beim Niveau keine Abstriche macht, theologisch herausfordert und die uneingeschränkte lebenslange Aktualität der theologischen Thematik unterstreicht.
Sozial sind ältere Menschen zunehmend dankbar für ein angenehmes Bildungsumfeld mit Angeboten zur Geselligkeit, eine verlässliche Gruppe und eine heitere Veranstaltungsleitung. Sie freuen sich mehr als die Jüngeren an generationenübergreifenden Veranstaltungen, sind sich aber auch der Stärken des unter sich Seins bewusst. Theologische Erwachsenenbildung kann neue Kontakte stiften, indem sie sich bewusst von innergemeindlichem Unterricht unterscheidet und damit einen neuen Ort für Kontakte herstellt, der Bildungswillige unterschiedlicher Prägung zusammenführt.
Kirchlich sind Menschen im jüngeren Seniorenalter eine bisher meist nicht adäquat wahrgenommene Größe. Theologische Erwachsenenbildung kann ihre Lebenslage durch ein anspruchsvolles Bildungsangebot aufgreifen. Sie kann sowohl für stärker kirchlich sozialisierte Glieder ein Ort der Vertiefung sein wie für Außenstehende ein Ort kritischer Anfragen an den Glauben. Theologische Bildungsarbeit kann das kirchliche Profil stärken ohne zu vereinnahmen. Der Theologe kann die Inhalte seiner Ausbildung mit interessierten Gemeindegliedern in ein elementares Gespräch bringen.

Theologische Erwachsenenbildung im jüngeren Seniorenalter kann zu zwei bleibenden Bildungsaufgaben beitragen. Sie kann - ohne eine andere Didaktik - als zielgruppenorientiertes Angebot ein gewichtiger Baustein bei der Bildung einer anderen Generation im Alter sein. Und sie kann als theologische Erwachsenenbildung eine wichtige kommunikative Aufgabe zwischen Glaube, Kirche und Gesellschaft übernehmen.

 
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Teil 1: Einleitung
Teil 2: Beschreibung Projekt
Teil 3: Fragestellungen
Teil 4: Theologische Analyse
Teil 5: Geragogische Analyse
Teil 9: Literaturverzeichnis
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Stand: 20.06.2000