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Der nachfolgende Text ist direkt vom Vortragsmanuskript in das Web-Format übernommen worden. Die Formatierung der Grafiken wurde nicht überarbeitet und das gesamte Dokument wurde nicht korrekturgelesen. Die Verweise auf Folien beziehen sich auf die zum Vortrag gezeigte Präsentation.
© Gunther Seibold. Veröffentlichungsrechte liegen ausschließlich beim Autor.

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Spurwechsel
 

Alter annehmen und gestalten
 
 

Vortrag
von Gunther Seibold, Stuttgart
Inhaltsübersicht

Meditation * Straßennetz * Routenplanung * Fahrstil * Schluss * Literatur
Meditative Einleitung
1. Das Straßennetz – oder: Das neue Alter im Beziehungsgefüge der Generationen
a) Die eigene Biografie im Generationengefüge leben
b) Die Vielfalt des Alters wahrnehmen
Das nicht Selbstverständliche
2. Die Routenplanung – oder: Aufgaben beim Abschied von der Erwerbsarbeit
a) Arbeit konstituiert Leben
b) Konstitution des Lebens erarbeiten
Das nicht Selbstverständliche
3. Der ökologische Fahrstil – oder: Den Lebensstil auf ein gelingendes Alter einstellen
a) Die Ressourcen pflegen
b) Ziele haben und erreichen
Das nicht Selbstverständliche
Schluss

Meditation * Straßennetz * Routenplanung * Fahrstil * Schluss * Literatur

MEDITATION

Meditation zur Metaphorik des Spurwechsels
(Folie: Autobahn und Landschaft; oder: schwarz mit Verkehrsbild angedeutet)

Es ist noch meine alte Kiste,
in der ich sitze.
Mit den Jahren sind wir vertraut geworden miteinander.
Sie ist nicht mehr die jüngste,
aber sie fährt.
Mein Fahrzeug hat in seinem Kleid
zwar ein paar Spuren abbekommen,
es ist gebraucht.
Aber nach wie vor kommen wir überall hin.
Und jetzt bin ich hier rausgefahren.
Was für ein Gefühl,
die Autobahn verlassen zu haben!
Diese Strecke auf der Autobahn,
wo der Wahn vom schnellen Vorwärtskommen regiert,
wo alle auf mehreren Bahnen in derselben Richtung fahren,
wo versucht wird Berg und Tal einzuebnen,
wo Geländer und Schutzmauern den Blick in die Breite hindern,
wo Parken am Straßenrand verboten ist
wo verordnete Pausen im Gedränge der Ferien verkonsumiert werden,
wo die Betonfugen den Zeittakt ins Leben schlagen,
wo die, die wenden und umkehren, für die anderen eine tödliche Gefahr sind.
Wir,
mein Fahrzeug und ich,
wir haben den Blinker gesetzt,
wir haben die Spur gewechselt
und die Ausfahrt in einer flotten Kurve genommen.
Welch ein Blick!
Hier, wo das Dröhnen der Autobahn
noch schwach im Hintergrund verrauscht
und ins Grillen und Gurgeln des weiten Landes hinüberwechselt.
Die Landstraßen vor uns
erlauben rechts, links und geradeaus zu fahren,
und wie unterschiedlich sie sind:
da sind die breiten und schnellen,
dort die kurvenreichen und langsameren,
und daneben die unbefestigten, die ins Ungebahnte führen.
Berg- und Talfahrten liegen vor uns,
wir werden überall anhalten können
und die Aussicht nach hinten und nach vorn genießen.
Das Ziel ist nicht mehr einfach geradeaus,
ich werde uns die Ziele selbst setzen müssen.
Die Mindestgeschwindigkeit bestimmt nicht mehr den Takt,
wir werden uns den wechselnden Straßenzuständen anpassen können.
Aber mein Fahrzeug und ich,
wir haben Kraftstoff im Tank,
wir werden unseren Weg finden.
Wir werden innehalten,
wo andere sind, die wie wir frei ihren Weg suchen.
Und wir werden ein Stück mit ihnen unterwegs sein
um allein und gemeinsam
die altbekannte Welt um uns herum
auf neue Weise zu erfahren.
Es ist und bleibt meine alte Kiste
und ich lege wieder den Gang ein.
Es geht weiter.
AUSLEGUNG
Den Vortrag will ich so gestalten, dass er - und damit bleibe ich bei der Verkehrsmetaphorik vom Spurwechsel - Auslegung der Landkarte und des Verkehrs wird.

(Folie: Inhaltsübersicht, s.o.)
(Folie: Kapitel 1)

Meditation * Straßennetz * Routenplanung * Fahrstil * Schluss * Literatur

1. Das Straßennetz – oder:

Das neue Alter im Beziehungsgefüge der Generationen

Zimperlich waren unsere Vorfahren nicht – oder sie hatten Humor. Wie auch immer: In grafisch ausgearbeiteten Stufenleitern (Folie: Stufen (2x). Aus: Unbek. und GEO 1991:30) oder in literarischer Form beschrieb man den Aufstieg und Niedergang des Lebens in drastischen Begriffen (Zitat Kasten).

Daran ist zweierlei abzulesen: Erstens wird unterstellt, dass Leben am Anfang Aufstieg bedeute, dem dann nach dem Erreichen der Lebensmitte bei etwa 50 Jahren ein Abstieg folge, der wiederum in Hoffnungslosigkeit und Elend führe. Zweitens enthält solch ein Schema die Unterstellung, dass ein Leben einen berechenbaren Verlauf nehme (wenn es denn 100 Jahre dauern sollte). Formuliert man auf Grund dieser Unterstellung etwas moderner, so sähe ein menschliches Leben der Gestalt aus, dass an die unbeschwerte Kindheit die Wirren der Jugend anschlössen, danach die Sesshaftwerdung und Familienphase, verbunden mit Berufstätigkeit. Der beruflichen Karriere folgte dann nach einem abrupten Ende mit der Pensionierung als letzter Abschnitt das Alter, in dem die Kinder aus dem Haus sind, in dem sich nichts mehr bewegt und ändert, außer dass das Sterben immer näher kommt.

An solchen Schemata mag etwas Wahres dran sein, sonst lebten sie nicht über Generationen und auch in unseren Köpfen fort. Sie beschreiben etwas, was ganz allgemein für »selbstverständlich« gehalten wird.

Das ist es aber durchaus nicht. Ein näherer Blick in unsere Gegenwart und ihre Entwicklungen lehrt, ein differenzierteres Bild vom Altern und vom Alter zu malen. Man kann also nicht eine »Magnetschwebebahn Jugend« einer »holprigen Sackgasse Alter« entgegenstellen. Wir blicken bei der Betrachtung des Alterns vielmehr auf ein differenziertes Wegenetz im Ganzen und speziell auch im Bereich des höheren Lebensalters.

(Folie: Abschnitt 1a Biografie/Längsschnitt; Generationengefüge/Querschnitt)

a) Die eigene Biografie im Generationengefüge leben

Die Überschrift über diesen Teil des Vortrages spricht die beiden wesentlichen Perspektiven an, nach denen Alternsfragen soziologisch betrachtet werden.

Das Stichwort »Biografie« steht für die Betrachtung im sogenannten »Längsschnitt«. Dabei wird die Entwicklung eines Individuums oder einer Gruppe von Individuen entlang der Zeitachse beobachtet, d.h. wie ein Individuum altert von der Geburt bis zum Tod. Das Stichwort »Generationengefüge« verweist auf im die Querschnitt für alle gemeinsam erhobenen Daten, z.B. die zu einem bestimmten Zeitpunkt bestehende Altersschichtung.

Die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten hat insgesamt einen Perspektiv-Wechsel gebracht von früher fast ausschließlich im Querschnitt vorgenommenen Untersuchungen hin zur vermehrten Untersuchung im Längsschnitt (diese sind allerdings methodisch anspruchsvoller und teurer).

Beispiel Lernen und Intelligenz

Den Unterschied von Querschnittswerten und einer differenzierten Sicht möchte ich anhand von Untersuchungen zu Intelligenz und Lernen im Alter deutlich machen.

(Folie: Wachstum und Verluste im Leistungsvergleich. Aus: Baltes 1992,15. Intelligenzwerte bei Berliner Studie. Aus: Lehr 1995:88)

In einer Berliner Altersstudie wurden Intelligenzwerte von hochaltrigen Personen gemessen. Dabei ergab sich eine breite Streuung mit dem Ergebnis, dass auch bis ins höchste Alter sehr hohe Intelligenzwerte gemessen wurden. Der Querschnitt als Durchschnitt ergibt eine mit dem Alter fallende Linie, aber einzelne Probantinnen und Probanten lagen individuell gegen den Trend.

Im Längsschnitt kann nun der Frage nachgegangen werden, wie sich Intelligenz und Lernfähigkeit beim Einzelnen über die Zeit entwickeln. Damit kann ermittelt werden, auf welchen Wegen die Streuung der Werte zustande kommt, ob Gewinne oder Verluste zu einem jeweiligen Ergebnis geführt haben. (Folie: Lernprozess. Aus: Baltes 1992:15) Das wurde in einer amerikanischen Studie zu Lernerfolgen mit dem Ergebnis dokumentiert, dass über die Hälfte der Versuchsteilnehmer im fortgeschrittenen Alter konstante oder steigende Werte erreichte.

Dabei kommt es immer darauf an, was Gegenstand des Lernens war. Im Zusammenhang damit hat man in der Intelligenzforschung die Unterscheidung von kristalliner und fluider Intelligenz getroffen (Folie: Intelligenz kristallin und fluid. Aus: Oswald 2000:112). Man stellte fest, dass die so genannte flüssige Intelligenz im Alter abnimmt, mit der abstraktes Denken und Schnelligkeit verbunden sind. Die so genannte kristallisierte Intelligenz dagegen besitzt steigende Werte in jedem Lebensalter. Sie stellt jenen Intelligenzbereich dar, der Urteilsvermögen oder Erfahrungsbezug umfassst.

Längsschnitt

Wir können damit festhalten: Speziell im Alter weisen die Globalwerte in vielen Bereichen eine fallende Tendenz auf. Für etliche Menschen trifft diese Tendenz gar nicht zu. Im Längsschnitt werden die gegenläufigen Chancen deutlich und ihr Bedingungsgefüge kann untersucht werden.

Das hat Konsequenzen: Lange Zeit hatte man in der Entwicklungspsychologie die psychische Entwicklung mit dem Erreichen des Erwachsenenalters für abgeschlossen gehalten. Mit Familie und Beruf war ein Mensch sozusagen fertig gereift und was danach kam, war ein Abbröckeln von der erreichten Stufe.

Die neueren Untersuchungen, die im Längsschnitt Weiterentwicklungen über die gesamte Lebensspanne von der Geburt bis zum Tod beschreiben konnten, haben dafür gesorgt, dass man in der Entwicklungspsychologie inzwischen eine »Psychologie der Lebensspanne« propagiert. Weiterentwicklung findet über die ganze Lebensspanne bis ins höhere Alter statt. Die Entwicklungen im höheren Lebensalter sind dabei zu einem Teil Gewinne und natürlich zu einem Teil auch Verluste. Kompetenzgewinne gehen sowohl auf quasi natürliche Zusammenhänge wie zum Beispiel Erfahrungszuwachs zurück wie auch auf Trainingseffekte. Training gegen Vergessen und Verwirrung kann zu manchmal erstaunlichen Ergebnissen führen.

Ganz ähnlich hat man auch in der Soziologie erkannt, dass eine Schichtung der Biografie in Altersklassen mit ganz bestimmten Tätigkeitsmerkmalen nicht mehr passt. Das klassische Schema sah dreigliedrig die Ausbildungsphase, dann die Arbeitszeit und schließlich nach der Arbeit (und ohne Arbeit) Freizeit.

In der Gerontologie ist für diese Zusammenhänge eine Grafik des amerikanischen Forscherpaares Riley & Riley klassisch (Folie: Lebensbereiche. Aus: Riley & Riley 1992:454). Riley & Riley stellen nun aber eine andere Grafik daneben, zu der hin sich die Entwicklung vollzieht: Die Bereiche Ausbildung, Arbeit und Freizeit sind nicht mehr im Lebenslauf durch Altersgrenzen geschieden, sondern kommen in jedem Alter vor. In jedem Alter haben Menschen in allen oder wahlfrei in zweien oder einem dieser Bereiche Schwerpunkte. Noch ist diese Vision nicht erreicht, aber wir sind auf diesem Weg.

Hier wird vollends deutlich, dass im Querschnitt weit weniger für die individuelle Lage und das individuelle Potential von Menschen ausgesagt wird als in Längsschnittbetrachtung. Heute ist statt auf einen quasi normierten Lebenslauf auf die Vielzahl der möglichen Lebensläufe hinzuweisen.

Deshalb ist auch das biografische Alter zunehmend vom chronologischen Alter zu unterscheiden. Wer 60 ist kann heute Ruheständler sein, oder sich gerade selbständig gemacht haben, oder Student sein. Noch unterschiedlicher als bei Männern sind da die Verhältnisse bei Frauen.

Generation und generell im Längsschnitt

Die Betrachtung im Längsschnitt hat freilich nicht nur für Einzelne, sondern auch für eine ganze Generation Bedeutung. Obwohl jeder Mensch seine eigene individuelle Biografie hat, gibt es doch Einflüsse, die eine Generation insgesamt getroffen haben und die für alle Menschen eines bestimmten Geburtsjahrganges in ähnlicher Weise prägend waren. Dabei sind vor allem zwei Dimensionen des Alterns angesprochen: Das chronologisch-geschichtliche Alter und das chronologisch-biologische Alter. Anders gesagt: Die Menschen einer bestimmten Generation haben eine gemeinsame Geschichte und ein gemeinsames organisches Alter.

(Folie: Biografische Prägung von Kohorten)

Beim chronologischen Alter ist zu bedenken, welche gemeinsame geschichtliche Erfahrung eine Generation gemacht hat. Die in derselben Zeit geborenen Menschen sind beispielsweise Kinder des Krieges oder erreichen gleichzeitig das gesetzliche Ruhestandsalter (u.a. s. Folie).

Auch einige biologische Faktoren sind auf das Lebensalter bezogen. Wie das Altern biologisch funktioniert ist zwar eine offene Frage für die Forschung, aber Indizien für eine innere Uhr der Zellen gibt es. Vor allem die Beobachtung, dass bei einem Alter von ca. 120 Jahren die Obergrenze erreicht zu sein scheint, kann als Beleg für die These vom biologisch begrenzten Lebensalter gelten. Obwohl immer mehr Menschen in die Nähe dieser Obergrenze von etwa 120 Jahren kommen, gibt es keine wirklich belegten höheren Lebensalter. (Die biblische Begrenzung des Lebens auf 125 Jahre war da erstaunlich treffsicher.)

Wie wird sich das biologische Alter in Zukunft beeinflussen lassen? Werden Menschen schließlich doch noch älter als 120 Jahre? Zur Zeit dominiert in der Wissenschaft noch die These, dass die etwa 120 Jahre stabil bleiben und nur tödliche Krankheiten weiter hinausgeschoben werden können. Auf diese Weise können immer mehr Menschen über 100 Jahre alt werden. Als Begrenzung bleiben aber die etwa 120 Jahre. Nur einige wenige konkurrierende Ansätze denken daran, dass es bald auch möglich sein könnte, dass Menschen deutlich mehr als 120 Jahre alt werden (Hoffnungen der Gentechnologie, Stammzellen).

(Folie: Obergrenze des Lebensalters, Diskussion nach Fries. Aus: Baltes 1992:22)

Für Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung hat die differenzierte Sicht im Längsschnitt die Konsequenz, dass beispielsweise der wachsende Bevölkerungsanteil Älterer nicht monolithisch mit gebrechlichen Menschen gleichgesetzt werden darf, die nur auf Kosten der Gesellschaft leben und dieser nicht nützen könnten.

Gerade dies gilt es im Auge zu behalten, wenn wir uns jetzt der Statistik zuwenden, die in Querschnitten zu ausgewählten Zeitpunkten die Bevölkerungsverteilung abbildet. Ich habe das Bisherige bewusst vorne an gestellt, weil ich im Blick auf den Einzelnen das Wissen um sehr differenzierte individuelle Möglichkeiten für wichtiger halte als den globalen Blick auf Zahlen aus der Bevölkerungsstatistik.

(Folie: Pyramiden in Ägypten. Aus: LCS) Bekanntlich wird in Deutschland seit den Anfängen des 20. Jahrhunderts die klassische Bevölkerungspyramide auf den Kopf gestellt. Bevor ich diese Entwicklung und die zukünftigen Erwartungen darstelle, möchte ich jedoch noch einen näheren Blick auf das gegenwärtige Bild werfen (Folie: Bevölkerung nach Jahren. Aus: www.statistik-bund.de). Die bundesdeutsche Bevölkerungspyramide der Gegenwart bietet ein mehrfach eingeschnittenes und zerzaustes Bild: Verantwortlich dafür sind Einschnitte durch Geburtenrückgang vor allem in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts sowie beim Pillenknick um 1970. Die Wiedervereinigung brachte in vor allem in Ostdeutschland einen zusätzlichen Einbruch bei den Geburten. Alle diese Einflüsse kann man an der Altersschichtung der Bevölkerung ablesen.

Die Deutschen in Deutschland sind derzeit weit davon entfernt ihre Bevölkerungsstärke halten zu können. Dazu wäre eine Geburtenziffer von 2 Geburten je Frau notwendig. Tatsächlich erreicht die Bundesrepublik derzeit nur etwa eine Geburtenziffer von 1,4. Das ist so wenig, dass auch bei Einbeziehung einer Zuwanderung nach Deutschland die Bevölkerungszahl sinken wird. Dadurch werden die Jahrgänge in der Bevölkerungsschichtung nach unten immer kleiner (Folie: Geburtenziffern. Aus: Schölkopf 2000:51).

Das kann man nun an der Entwicklung der Bevölkerungspyramide in Deutschland ganz augenfällig ablesen. Gab es noch bis 1910 eine klassische »Bevölkerungspyramide«, bei der der jeweilige ältere Jahrgang kleiner als der vorangehende war (Folie: Altersaufbau Pyramide Aus: GEO 1991:26), so hat sich dieses Bild inzwischen stark geändert und die Entwicklung wird in der Zukunft eine Umkehrung bringen zum Bild einer Glocke.

Neben der Verjüngung nach unten prägt die Entwicklung vor allem eine neue Breite oben. Die Abtreppung nach oben durch Sterbefälle unterbleibt bis hinauf ins 7. Lebensjahrzehnt. Die jüngeren Jahrgänge altern ohne wesentliche Sterblichkeit, d.h. die Jahrgänge altern in Geburtsstärke bis ins 7. Lebensjahrzehnt. Diese neue Breite bis ins Alter drückt sich statistisch in der durchschnittlichen Lebenserwartung aus.

(Folie: Lebenserwartung. Aus: GEO 1991:31)

Die medizinischen Fortschritte und die Verbesserungen in der alltäglichen Sicherheit haben bewirkt, dass die Sterblichkeit in jüngeren Jahrgängen sehr klein geworden ist. Obwohl das maximale Lebensalter des Menschen kaum gestiegen ist, ergibt sich daraus, dass immer mehr Menschen bis ins Alter kommen, eine Steigerung der Lebenserwartung insgesamt. Die Grafik macht die Steigerung der Lebenserwartung im Laufe der Kulturgeschichte deutlich.

(Folie: Lebenserwartung. Aus: Dinkel 1992:70)

Für die Lebensphase Alter ist besonders von Interesse, wie hoch die Lebenserwartung mit 60 Jahren ist. Sie liegt heute für Frauen bei etwa 23 Jahren und für Männer bei knapp 20 Jahren. [Diese Ziffer ist nicht so stark gestiegen im Lauf der Entwicklung, weil früher nur Menschen mit guter Konstitution überhaupt 60 Jahre alt geworden sind (1871: Frauen 12,7 Jahre; 1946: Frauen 17,0 Jahre; 1988: Frauen 22 Jahre).]

(Folie: Lebenserwartung. Aus: BSFSJ 2001:31)

Eine Schätzung des DIW gibt für das Jahr 2050 eine Lebenserwartung für 60jährige Frauen von etwa 25 – 28 Jahren an (Zahlen in Tabelle für 65jährige).

Die Form der Bevölkerungspyramide ist allerdings für die aktuelle Diskussion zur Thematik der Generationen weniger entscheidend als die Frage, wie sich die Generationen zahlenmäßig zueinander verhalten. Daraus sind dann die Verhältnisse von Älteren zu Jüngeren oder von Rentenempfängern zu Rentenzahlern abzuleiten. Aus diesen Generationenverhältnissen und weniger aus den abstrakten Jahrgangsstärken ergibt sich der Stoff für die politischen Fragen der Gegenwart.

Werden Jüngere und Ältere zueinander ins Verhältnis gesetzt, dann verbinden sich beide Effekte, dass Jüngere weniger und die Älteren mehr werden, zu einer sehr deutlichen Entwicklung: Auf eine Person im höheren Alter kommen immer weniger jüngere Menschen.

(Folie: Verhältnis über/unter 75. Seibold 1992:10)

(Folie: Verhältnis über/unter 75. Lehr 1995:57)

Aus dem letzteren Schaubild ergibt sich: Wenn 2040 auf eine Person über 75 nur noch 6,2 jüngere kommen, von denen wiederum 1,4 über 60 Jahre alt sind, dann kommen auf 2,4 Personen über 60 Jahren 4,8 Personen unter 60 Jahren. Das ergibt ein Verhältnis von 1:2.

Aus Sicht des Arbeitsmarktes und der Finanzierung von Sozialleistungen sind von den Personen unter 60 Jahren noch die unter 20jährigen als Versorgungsempfänger abzuziehen, so dass schließlich 3,4 Personen für 3,8 (=7,2-3,4) Personen aufkommen. Es steht dann fast 1:1, Arbeitslose und andere Versorgungsempfänger gar nicht gerechnet. Bei bestimmten Rechenansätzen färbt sich das Zukunftsszenario reichlich dunkel.

(Aufhellend kann dazu freilich angemerkt werden, dass es schon bescheidenere Gesellschaften gab, in denen ein weit schlechteres Verhältnis funktioniert hat, z.B. wenn in traditionellen Großfamilien mit einem verdienenden Vater und mitlebenden Kindern und Großeltern ein einziger Verdiener ein Mehrfaches an Personen versorgt hat.)

Die Lebensphase Alter erreichen also inzwischen viel mehr Menschen als früher und auch die Alten werden immer älter. Während sich so die Lebensphase Alter nach oben verlängert, kommt gleichzeitig noch eine Verlängerung dieser Lebensphase durch die Verschiebung des Ruhestandseintritts nach vorn hinzu. Von Anfangs 70 Lebensjahren bis zum Renteneintritt sind wir heute bei einem durchschnittlichen Ruhestandseintrittsalter von unter 60 Jahren.

Diese Entwicklung ist Auswirkung dessen, dass angesichts überzähliger Arbeitskräfte das Rentenalter staatlicherseits in den vergangenen Jahren immer weiter nach vorn verschoben wurde. Dazu kommt, dass Unternehmen in Liquiditätsschwierigkeiten überwiegend den ältesten Mitarbeitern Ausstiegsangebote machten, weil dafür teilweise staatliche Fördermöglichkeiten existieren und weil ältere Mitarbeiter oft teurer sind.

(Folie: Entwicklung Lebensarbeitszeit. Aus: Seibold 1992:8). Damit ergibt sich für die Entwicklung der Alterszeit nach dem Erwerbsleben im zusammenfassenden Blick auf die derzeitige Entwicklung eine doppelte Spreizung: Erstens werden die betroffenen Jahrgänge in den nächsten Jahren noch zahlenmäßig immer größer. Zweitens wurden in den letzten Jahren immer mehr Jahrgänge betroffen, weil das Ruhestandsalter sank und die Lebenserwartung stieg.

In Zukunft muss die Entwicklung zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit führen, wenn der Lebensstandard gehalten werden soll. Die Ansätze dazu sind überall in der Politik am Aufkeimen: Die Ausbildungszeit soll kürzer werden (Stichwort: In 12 Jahren zum Abitur), frühere Ausstiegsmöglichkeiten werden abgebaut und das Rentenalter soll steigen (mit 70 Jahren ist m.E. zu rechnen).

Wenn die derzeit einsetzenden Bestrebungen zur Verkürzung der Ausbildungszeit und zur gleichzeitigen Verlängerung der Lebensarbeitszeit einmal greifen werden, dann kann sich das Generationenverhältnis wieder deutlich normalisieren.

Für die Gegenwart gilt, dass sich die Jahre nach der Erwerbsarbeit zu einer Lebensphase entwickelt haben, die mit 25 Jahren (heute schon weiter als die Grafik auf der Folie) bei sehr vielen länger ist als Kindheit und Jugend zusammen (Folie: Entwicklung Alterszeit. Aus: Seibold 1992:8). Wer in den Ruhestand tritt, kann damit rechnen, noch eine längere und mit Entwicklungsmöglichkeiten volle Spanne seines Lebens antreten zu können.

Dem Blick auf die Verhältnisse innerhalb dieser Zeitspanne vom Ende des Erwerbslebens bis zum höchsten Alter soll der nächste Abschnitt gewidmet sein.

(Folie: Abschnitt 1b)

b) Die Vielfalt des Alters wahrnehmen

Dass Alter nicht gleich Alter ist, das beweisen mit am eindrücklichsten die immer noch nicht befriedigenden Versuche, jenen jungen Leuten einen Namen zu geben, die gerade erst in den Ruhestand gekommen sind (Folie: Seniorissimi. Aus: LCS). Sie sind zu einem großen Teil geistig und körperlich rege und vielseitig interessiert. »Alt« will da keiner heißen. Daher kam es zu einer Kette von Begriffserfindungen, die mangels einer Lösung noch nicht am Ziel ist. Statt »alter Mensch« fing man an vom »älteren Menschen« zu sprechen. Dann klang »Senior« eine Zeit lang modern. Die baden-württembergische Arbeitsverwaltung versucht gerade mit dem Begriff »lebensälter« die Alterszuschreibung erträglicher zu machen. Alle diese Versuche aber verbinden sich im modernen Empfinden immer noch mit der Generation der mindestens über 70jährigen. So haben Versuche weiter Konjunktur, das Alter begrifflich zu verharmlosen. Wie finden Sie »Uhu«? Das heißt »unter hundert Jährige« - das gehört man dann zu fast allen. Etwas arrivierter spricht man von Menschen im 3. Lebensalter, wobei zunehmend die Angebotstexte den Begriff »Menschen in der zweiten Lebenshälfte« vorgezogen wird. Im Internet schließlich zielen Seniorenangebote stets auf die Generation »50 +«.

Tatsächlich werden Menschen heute im gesellschaftlichen Bewusstsein um viele Jahre später alt als früher (1910 mit 40 sehr alt, heute mit 70)

(Folie: Wann alt? Aus: Oswald 2000:107).

1. Differenzierung: Generationen innerhalb des Alters

Die begriffliche Schwierigkeit entspringt nicht nur persönlicher und kundenorientierter Begriffspsychologie. Sie verweist auf eine auch objektiv greifbare Sachlage, nach der innerhalb des Alters mindestens 2, besser noch 3 Generationen zu unterscheiden sind: Die erste Gruppe derjenigen, denen ohne nennenswerte Einschränkungen alle Tätigkeiten offen stehen. Dann die zweite Gruppe derer, denen Verluste zu schaffen machen, die aber weiterhin selbstverantwortlich und weitgehend ohne fremde Hilfe leben. Schließlich eine dritte Gruppe derer, die dauernd auf fremde Hilfe angewiesen sind. Für diese Dreiteilung hat die englischsprachige Welt eine pfiffige Begrifflichkeit gefunden: e Geschlechter sind ungleich verteilt: Frauen haben eine höhere Lebenserwartung und sind dadurch schon in der numerischen Überzahl. Dazu kommt, dass Frauen früher zur älteren Generation stoßen – und sei es nur, weil der ältere Ehemann in den Ruhestand tritt. Dass in Ehen überwiegend die Männer die Älteren sind, sorgt in Verbindung mit der kürzeren Lebenserwartung dafür, dass sie in großer Zahl vor ihren Frauen sterben.

Aus alledem ergibt sich für die erste Generation nach dem Eintritt in den Ruhestand, dass relativ viele Menschen (v.a. die Männer) in Partnerschaft leben. Für das höchste Alter dagegen dominieren die verwitweten Frauen klar das Bild (von 10 Frauen überhaupt sind zwischen 8 und 9 verwitwet (auch Kriegsfolge)).

Hier liegt auch einer der gewichtigsten Gründe dafür, dass es so ungleich schwerer ist, gesellige Angebote für die ganze Generation der jüngeren Senioren zu machen als für die schon älteren Seniorinnen und Senioren. Verheiratete haben überall weniger Drang zur Vergemeinschaftung mit andern Menschen als Alleinlebende. So finden sich in der Regel bei jüngeren Senioren eher kleinere Interessengruppen mit Menschen aus vergleichbaren Lebenslagen, während die Angebote institutioneller Träger für diese erste Generation im Alter kaum interessant zu sein scheinen.

(Folie: Entschuldigungen. Aus: LCS)

3. Differenzierung: Familie

Von den vielen weiteren Ursachen für eine Vielfalt der Lebenslagen im Alter möchte ich dazu noch einige andeuten: Besonders stark wirken familiäre Differenzierungen. Neben den schon angesprochenen unterschiedlichen Partnerschaftsverläufen sind bei den einen Kinder da und bei andern nicht. Kinder leben noch im Haushalt, im gleichen Ort oder ganz weit weg. Enkel mischen das Leben der Großeltern auf oder auch nicht. Die alten Eltern leben nicht mehr oder leben noch, sind dann selbstständig oder brauchen intensive Pflege.

Die Spanne reicht damit von denen, die ihr angesammeltes Vermögen ohne Bindungen an Kinder und Eltern ungehemmt für sich verbrauchen können bis zu denen, die als sogenannte Sandwich-Generation zwischen Betreuungsbedarf bei den Enkeln und intensiver Pflege der Eltern (und manchmal noch des Ehepartners) eingespannt sind und kaum einmal für ihre eigenen Bedürfnisse Luft finden.

4. Differenzierung: Geld und Status und anderes mehr

Die Vielfalt der individuellen Lebenslagen ergibt sich weiter durch die im Laufe des Lebens geprägten finanziellen Verhältnisse, durch die erreichte Stufe auf der Karriereleiter oder in öffentlichen Tätigkeiten, durch Streuungen bei der Gesundheit zwischen chronischer Krankheit und kerngesunder Fitness. Auf allen diesen Gebieten findet sich in dieser Generation der jüngeren Alten eine maximale Auffächerung der unterschiedlichsten Lebensverhältnisse (und weit weniger in der scheinbar so bunten Jugend).

5. Differenzierung: Intraindividuelle Unterscheidungen

(Folie: Innerhalb einer Person Farbigkeit)

Trotz dieser Feststellung, dass die Lebenslagen in der Generation am Einstieg in den Ruhestand so vielfältig differieren, fehlt aus gerontologischer Sicht noch eine weitere wichtige Differenzierung. Sich diese bewusst zu machen ist vor allem für den Einzelnen und die Sicht seiner Selbst von hoher Bedeutung. Es geht dabei darum, dass nicht nur zwischen der einen und der anderen Person (interindividuell) zu unterscheiden ist, sondern auch innerhalb einer Person (intraindividuell).

Diese Einsicht ist zu einer realistischen Einschätzung der eigenen Lage nötig. Keiner soll seine Jungbrunnen oder das Laufrad, das Menschen jünger macht und springen lässt. So wichtig die Feststellungen sind, dass Menschen von heute über 60 Jahren noch lange nicht zum alten Eisen zählen, so wichtig bleibt doch, dass damit nicht einem Jugendlichkeitswahn das Wort geredet werden soll. Vor dem Versuch, sich selbst und andere über das eigene Alter zu täuschen, ist mit Recht zu warnen.

Auch und gerade wer sein Alter als im Altern erfahren gewordenes Leben annimmt, der kann aus dieser Lebensphase etwas machen. Das kommt dann auch der Gesellschaft zugute, in der die neuen älteren Generationen leben.

(Folie: Kapitel 2)

Meditation * Straßennetz * Routenplanung * Fahrstil * Schluss * Literatur

2. Die Routenplanung – oder:

Aufgaben beim Abschied von der Erwerbsarbeit

Die Evangelische Akademie Bad Boll führt seit 30 Jahren Kurse durch für Menschen, die vor dem Abschied aus der Erwerbsarbeit stehen, früher »Ruhestandsvorbereitungskurse« genannt. Wir bieten die Kurse in unserem Hauptprogramm an und stehen in Kontakt mit Personalleitungen in Betrieben. Die meisten Teilnehmer bekommen die Kurse von den Betrieben angeboten als Fortbildungsangebote oder auch als persönliche Empfehlung, wenn ein Ruhestandstermin ins Auge gefasst wird. Wir empfehlen, dass die Ehepartner oder Lebenspartnerinnen mit am Seminar teilnehmen.

Warum das alles? "Kommt man nicht von alleine in den Ruhestand? Ist es nicht etwa so, dass man als Ruheständlerin das Leben doch bewältigt hat und sich dafür nicht mehr fortbilden muss? Zum Nichtstun braucht doch keiner Anleitung!"

Tatsächlich begegnen solche Vorbehalte unausgesprochen oder auch vorgetragen. Dagegen aber stehen die Erfahrungen, die wir und vor allem die teilnehmenden Menschen machen. Sie sind nach den Kurstagen ausgesprochen dankbar dafür, dass sie sich intensiv mit den anstehenden Veränderungen befassen konnten.

(Folie: Leben nach der Arbeit. Aus: LCS)

Es stellt sich für sie als hilfreich heraus, sich klarzumachen, welche Stellung die Arbeit in ihrem Leben eingenommen hat und wie das Leben ohne die Erwerbsarbeit neu erarbeitet werden muss.

Vor Jahren konnte man sogar statistisch dokumentieren, dass ein unbedachter, unvorbereiteter Wechsel in den Ruhestand an den Grundlagen des eigenen Lebens rütteln kann. In Sterbestatistiken konnte man einen »Pensionierungsschock« (Lehr 1990:250) feststellen, der bedeutete, dass überdurchschnittlich viele Menschen in einer kürzeren Zeit nach der Pensionierung verstorben waren. Heute sind die Menschen durch die Vielfalt der Freizeit- und Bildungsmöglichkeiten nicht mehr ganz so ausschließlich auf ihre Arbeitsstelle fixiert, aber noch immer ist der Ruhestandseintritt eine Schwelle im Leben, die in eine Reihe mit Geburt, Schulanfang, Auszug von daheim, Studienabschluss und Heirat gehört. Diese Schwelle muss allerdings als besonders krisenanfällig eingestuft werden, weil ihr Überschreiten (im Gegensatz beispielsweise zur Hochzeit) oft nicht als Schritt nach vorn, sondern eher als Fall in tiefe und dunkle Lebensgefilde erwartet wird. (Leider erreichen die Angebote zur Begleitung bei diesem Übergang (wie für ähnliche Situationen typisch) eher die, die sie weniger brauchen als die, die sie am nötigsten hätten.)

Bei den Tagungen zur Vorbereitung auf die Ruhestandszeit blicken wir einerseits zurück und andererseits nach vorn. So möchte ich dieses Kapitel auch einteilen:

a) Arbeit konstituiert Leben (Blick zurück)

b) Konstitution des Lebens erarbeiten (Blick nach vorn)

a) Arbeit konstituiert Leben

Es ist keine neue Einsicht, dass die Berufsarbeit unsere Selbst- und Fremddefinition wesentlich bestimmt und unseren Alltag viele Jahre lang gestaltet. »Arbeit ist das halbe Leben« - so oder ähnlich drückt sich das in der Alltagsweisheit aus. Oder tiefgründiger Wladimir Lindenberg: "Nicht was er mit seiner Arbeit erwirbt, ist der eigentliche Lohn des Menschen, sondern was er durch sie wird."

Warum eigentlich ist die Arbeit so wichtig? Das macht sich oft nicht klar, wer mitten drin steckt und wem die Arbeit womöglich über den Kopf wächst. Vieles kann da klarer werden, wenn man sich und seine Arbeit einmal aus einem gewissen Abstand heraus betrachtet. Denn: Vieles, was die Erwerbsarbeit im Leben bedeutet hat, muss nach ihrem Wegfall entbehrt oder durch andere Tätigkeiten aufgefüllt werden.

(Folie: Was hat mir meine Arbeit gegeben?)

Die Rückschau auf die Arbeitszeit stellen wir unter die Frage »Was hat mir meine Arbeit gegeben?«. Ich habe eine Stichwortsammlung von einer unserer letzten Tagungen abgetippt (Folie) und möchte von den vielen wichtigen Nennungen 5 hervorheben:

(1) Geld. Diese Nennung muss kommen, das steckt schon im Wort »Erwerbsarbeit«. Die erworbene Geldmenge war auch für den gesellschaftlichen Status und für den Lebensstandard, den man sich angewöhnt hat, maßgebend. Zitat: "Wir haben uns mit den Jahren immer mehr leisten können, vor allem seit die Kinder nicht mehr studieren und aus dem Haus sind."

(2) Struktur. Hier sind ganz grundlegende alltägliche Zusammenhänge angesprochen. Arbeit zwingt zum Aufstehen, der Rhythmus von Werktag und Wochenende stellt sich ein. Man muss sich äußerlich zurecht machen und durch Gewohnheiten (auch genannt) wird ein Mensch davor bewahrt, unendlich viele Kleinigkeiten immer neu entscheiden zu wollen. Zitat: "Wie anstrengend konnte es sein, in Urlaubszeiten sich morgens überhaupt zum Aufstehen und etwas Unternehmen zu motivieren!"

(3) Kontakte. Dazu gehören auch die Nennungen »Umgang mit Menschen, Freundschaften, Kollegen«. Zitat: "Ich merke, dass ich alle meine Kontakte über den Beruf habe. Unsere privaten Kontakte zu Hause laufen alle über meine Frau."

(4) Verantwortung. Sie ergibt sich vor allem aus den eben genannten Kontakten. Verantwortung zu haben spornt an, macht rechenschaftspflichtig und damit gefragt. Die Arbeit bekommt einen Wert und wird als sinnvoll empfunden. Zitat: "Natürlich war die Geschäftssitzung jede Woche stressig. Aber die Verantwortung für die Abteilung und das Rechenschaft ablegen Müssen hat irgendwie motiviert und Spaß gemacht."

(5) Ziele. Arbeit verschafft Befriedigung, weil Leistungsmessung erfolgt, weil ein Tagessoll erreicht wird, weil Kunden zufrieden zur Tür hinausgehen oder weil wieder alle Schüler die Klasse geschafft haben. Zitat: "Nach der Arbeit hatte ich immer so das gute Gefühl: Jetzt hast du dieses Quantum wieder geleistet oder wenigstens deinen Job getan."

Trotz der manchmal naheliegenden Unterstellung, dass der Mensch mehr über seine Arbeit klage als sie wertzuschätzen, stellen wir fest, dass die Menschen bei den Seminaren und mit etwas Abstand zum Arbeitsplatz eine überwiegend positive Beurteilung der Arbeit an sich abgeben. Die Nennungen im positiven Bereich überwiegten.

Wir denken über die problematischen Seiten der Arbeit nach unter der Frage: »Was hat mir meine Arbeit genommen oder verhindert«. (Folie: Was hat Arbeit genommen?) Dabei beobachten wir, dass die Arbeit im Negativen weniger grundsätzlich bewertet wird. Im Negativen werden viel eher konkrete Dinge benannt, die mit Strukturen und Personen im Arbeitsumfeld zusammenhängen, z.B. die Auswirkungen der letzten Umstrukturierung oder schwierige Kollegen im Arbeitsumfeld oder die Klage der Familie über das spät nach Hause Kommen.

Die am häufigsten genannte Problematik bei der Arbeit bezieht sich auf die durch die Arbeit in Anspruch genommene Zeit. Die Zeit bei der Arbeit, die man gerne für andere Termine, für Ausspannen, für Reisen und Bildung oder einfach für die Familie gehabt hätte. Die weiteren Nennungen beziehen sich stark auf leibliche Belange: Arbeit nimmt Kraft, Schlaf, Energie und Nerven in Anspruch. Einige machen freilich auch tiefere Erfahrungen und notieren, dass ihnen die Arbeit den Bezug zum Leben verdunkelt habe.

(Folie: Jeden Tag ... Aus: LCS)

Insgesamt wird nach unserer Beobachtung im Rückblick auf die Arbeitszeit deutlich, dass und wie die Arbeit für viele Jahre das alltägliche Lebens konstituiert hat. Sie machte »Sinn«, sei es nun in unterstützender und begabender Weise oder andererseits durch Widrigkeiten, die zur Gegenwehr motivierten.

Wenn die Arbeit hat einen ganzen Lebensabschnitt konstituiert, stellt sich die Frage, wie die Konstitution des Lebens nach dem Abschied aus der Erwerbsarbeit aussehen wird. Lässt sich ersetzen, was sie gegeben hatte? Lässt sich endlich leben, was sie verhindert hat?

(Folie: Schlüssel. Aus: LCS)

b) Konstitution des Lebens erarbeiten

Die Schlüssel zur Vergangenheit haben wir. Wir können mit der Berufsarbeit umgehen. Die Schlüssel zu einer anderen Zukunft müssen jetzt hervorgekramt oder neu gefunden werden.

Dass wieder die Stichworte »Arbeit« und »Leben« in der Überschrift über diesen Abschnitt stehen, drückt aus, dass mit dem Ende der Erwerbsarbeit nicht Begriff und Sache der Arbeit aus dem Leben verschwinden. Die tägliche Arbeit sieht nur anders aus, sie ist nicht mehr »produktiv« in einem einseitig materiellen Sinne. Statt dessen rücken in den Vordergrund die bisher häufig im Verborgenen gebliebene Dimensionen des Lebens: Arbeit an sich selbst und die frei gewählte Arbeit für sich und andere.

Sogar das ist für viele Arbeit, dass sie sich daran gewöhnen müssen, einmal nichts zu tun, einmal zu genießen und auszuruhen. Wer dabei eigene Widerstände überwinden muss, der muss echte Bewusstseinsarbeit leisten. Im Kontext der Erwerbsarbeit galt das Ausspannen meistens als sinnlos. Jetzt kann entdeckt werden, dass darin ein tiefer Sinn liegen kann.

Einer Chefsekretärin (um ein Beispiel herauszugreifen, das mir besonders eindrücklich war), die aus der Hektik des Büros kam, musste es sich erarbeiten, dass sie es verdient hat, auch einmal auszuspannen. Dass sie sich eine Hängematte für ihren Garten kauft. Diese in ihrem bisherigen Alltag so fremde Sicht hat sie sich beim Seminar erarbeitet. Es war für sie eindrücklich, wie sie Ziele umdefinieren muss und wie sie auch für sich lernen muss den Weg zum Ziel zu machen.

Andere wollen unbedingt den gewohnten Rhythmus beibehalten. Sie suchen nach Tätigkeiten, die ihnen alle diese vorhin erwähnten sinngebenden Elemente aus der Erwerbsarbeit bieten: Erfolgserlebnisse, Ziele, Verantwortung und Tagesstruktur durch ehrenamtliche Tätigkeiten.

Man kann die Menschen nach dem Ausscheiden aus der Erwerbsarbeit danach unterscheiden, wie sie sich zu ihrer Arbeit verhalten. Suchen sie die in der Arbeit gefundene Befriedigung in Kontinuität oder suchen sie die in der Arbeit vermisste Befriedigung in Abgrenzung?

Die Soziologen Gerhard Berger und Gabriele Gerngroß (Berger & Gerngroß 1994) haben 4 Modelle herausgefiltert, wie Menschen erfolgreich an ihre Arbeit angeknüpft haben: Zwei ihrer Typen knüpfen an ihre Arbeit an, zwei davon distanzieren sich von ihr (Waren die Menschen unter Ihnen, die gestern ihre Erfahrungen berichtet haben, auch Vertreter dieser Typen?). Jeder findet Erfüllung auf seine Weise. Ich stelle ihnen die 4 Modelle kurz vor.

Zuerst die beiden, die an der Arbeit anknüpfen:

(Folie: Typ 1) Die Weitermacher. Sie hören überhaupt nicht auf mit ihrer Arbeit. Sie waren Selbstständige oder als Künstler tätig und sie können frei entscheiden, wie lange sie ihre Arbeit voll oder in reduziertem Umfang weiter treiben. Wichtig ist für sie, dass ihr gewohntes Umfeld bestehen bleiben kann.

(Folie: Typ 2) Die Anknüpfer. Sie bleiben nicht in ihrem Beruf, aber sie nehmen die Kompetenzen und Tätigkeitsmuster aus ihrem Beruf in andere Aufgabenfelder mit. So engagieren sich Handwerker daheim am Haus oder im Senioren-Hilfsdienst ehrenamtlich. Oft handelt es sich dabei um Menschen, die schon während des Arbeitslebens entsprechende Arbeiten übernommen haben und diese jetzt ausbauen können. Dazu gehören auch Menschen, die sich im Verein engagiert haben und dort ihr Engagement ausbauen.

Die anderen beiden Erfolgsmodelle gehen auf Distanz zu ihrer Arbeit:

(Folie: Typ 3) Die Befreiten. Sie wollen ein völlig anderes Leben führen. Die Arbeit haben sie als fremden Zwang erlebt und wollen jetzt nur noch die neuen Freiräume genießen. Sie besuchen kulturelle Veranstaltungen oder gehen auf Reisen. Sie leben im Heute und wollen sich von andern nicht hineinreden lassen.

(Folie: Typ 4) Die Nachholer. Diese Menschen haben besonders unter der Tatsache gelitten, dass die Erwerbsarbeit einen großen Teil der Lebenszeit in Anspruch nimmt. Jetzt wollen sie im Ruhestand all das nachholen, wozu ihnen die Arbeit die Zeit nicht gelassen hat. Alte verschüttete Hobbys werden wieder ausgegraben, Weiterbildung wird gesucht oder auf allerlei Gebieten die Dinge und die Beziehungen neu geordnet.

Berger und Gerngroß haben glückliche ältere Menschen befragt und ihre Einstellungen ausgewertet. Warum sind diese »Erfolgsmodelle« so erfolgreich? Sie sind es, weil sie Antworten gefunden haben auf den Wegfall der bisherigen Erwerbsarbeit. Freilich sind diese 4 Modellbeispiele als »Erfolgsmodelle« charakterisiert worden. Nicht alle Menschen fühlen sich so erfolgreich (Folie: Selbsteinschätzung. Aus: BMFSFJ 1998:77).

Bei diesen Modellen kommen nun allerdings eher die großen Ziele und die Höhepunkte im Leben zur Sprache. Auch bei den Tagungen fällt auf, wie es verhältnismäßig leicht fällt, glanzvolle Ziele zu formulieren. An den Alltag denkt man da gar nicht so. Der hat sich doch immer unbewusst eingestellt.

Trotzdem wird immer wieder von Erfahrungen berichtet, dass sich gerade dort mit dem Wechsel in den Ruhestand nicht selten die größten Aufgaben stellen. Vor allem in der Partnerschaft entstehen völlig neue Situationen. Der oder die jeweils andere ist vom Ruhestandseintritt kräftig mitbetroffen.

(Folie: Rollenverteilung (3 Karikaturen). Aus: LCS)

Da war die Ehefrau in vielen Fällen jahrzehntelang zuhause in ihrem Reich und hatte viel Arbeit, aber auch viel Selbstbestimmtheit und Entscheidungsfreiheit. Und dann kommt der Ehemann in den Ruhestand. Er sitzt dann da in diesem häuslichen Reich und will seine Freiheit. Unterschiedliche Ansprüche ch sein. Man hilft andern und gleichzeitig fällt es über eine Tätigkeit leichter, zu neuen Kontakten zu kommen, zu Übernahme von Verantwortung und zu Zielen, die zu erreichen sich lohnt. Das Schöne im Ruhestand ist bei der Übernahme von Tätigkeiten, dass man nicht wirklich durch sie gebunden wird.

Ich denke da an eine unserer treuesten Verantwortungsträgerinnen im ehrenamtlichen Bereich im Treffpunkt Senior: Sie sagt, dass sie das richtig genießt, als Ehrenamtliche in Tätigkeiten hineinzukommen, an die sie früher nie gedacht hätte. Und das schöne sei eben, dass sie einerseits Verantwortung übernommen und bekommen habe, aber dass sie andererseits diese Verantwortung in aller Freiheit wieder abgeben könne.

(Folie: Ehrenamtliche Mitarbeit. Aus: BMFSFJ 1998:18)

Das Thema Ehrenamt ist im gegenwärtigen Jahr der Freiwilligen ein viel verhandeltes Thema. Unter der Generationenperspektive betrachtet, sind in der ältesten Generation ab 60 Jahren prozentual am wenigsten Menschen als ehrenamtlich tätige erfasst. Gründe dafür liegen sicherlich auch darin, dass Dienste an Angehörigen in dieser Lebensphase viel Kraft beanspruchen und dass vieles, was ältere Menschen für andere tun, nicht als Ehrenamt öffentlich wird. Dennoch signalisieren die Zahlen, dass Potential für mehr Engagement gerade auch im öffentlichen Bereich da ist (vgl. u. Diskussionsangebote). Besonders wünschenswert sind Modelle, die eine generationenübergreifende Dimension haben. Die gibt es, aber aus meiner Arbeit heraus wünsche ich mir mehr davon.

Das nicht Selbstverständliche

Auch dieses Kapitel möchte abschließend zusammenfassen mit Hinweisen auf das meines Erachtens »nicht Selbstverständliche«. Bei der Gestaltung des Alters geht es nicht um Patentrezepte, das lehrt schon die Beobachtung der Vielfalt der Lebenslagen im Alter. Der eine knüpft an an die Arbeit, die andere sucht völlig neue Betätigungsfelder. Was allen in aller Unterschiedlichkeit nützt, ist ein Bewusstsein davon, dass das Leben nach der Arbeit eine neue Lebensaufgabe ist und eben nicht ein Leben, in dem sich alles ganz selbstverständlich ergibt. Es lohnt sich, einmal aus innerem Abstand über den neuen Alltag und die anstehenden oder erhofften Höhepunkte nachzudenken.

3. Der ökologische Fahrstil – oder:

Den Lebensstil auf ein gelingendes Alter einstellen

Frühere Generationen sagten »Ruhestand«. Uns geht das Wort schwerer über die Lippen, seit das Wort vom »Unruhestand« die Runde gemacht hat und jeder von uns genügend Pensionäre kennt, deren Terminkalender zwar vielfältiger, aber nicht dünner geworden ist.

So lang ist es gar nicht her, da war der Ruhestand Programm. Die gerontologische Diskussion orientierte sich an der sogenannten »Disengagement-Theorie«, der zufolge das Alter am gesündesten und lebenswertesten verbringt, wer sich nach der Arbeit zurückziehen und versorgen lassen kann. Gut, so hieß es damals, gut für Senioren sei sich nicht mehr zu engagieren, »disenganged« zu leben. Das war die Zeit in den Sechzigern und Siebzigern, die man bis heute in den Städten daran ablesen kann, dass so manches Altenheim damals raus aus dem Stadtleben ins Grüne und an den Wald gebaut wurde, wo es sich am beschaulichsten disengaged leben ließ.

(Folie: Stadtplan Schorndorf)

Dieser Trend hat sich umgekehrt, wie Sie wahrscheinlich auch in Ihrer Stadt beobachten konnten. Die Altenheime liegen jetzt möglichst zentral. Auch wer sich nicht mehr aktiv am städtischen Leben beteiligen kann, soll das wenigstens passiv tun können. Eigentlich hatte es ja schon der alte Volksmund gewusst: »Wer rastet, der rostet.« Aber soll man nun wirklich ins Gegenteil verfallen und den Unruhestand zum Programm erheben um zufrieden und lang gesund zu leben?

Der Frage, was man aufgrund von geronto-psychologischen Studien unabhängig von diesen extremen Zielen über Wege zu einem gelingenden Leben im Alter sagen kann, möchte ich in diesem Kapitel nachgehen. Es geht um einen ökologischen Fahrstil für das Alter, der eigene Ressourcen pflegt und der zugleich auch der Umwelt zugute kommt.

Ich beziehe mich dabei auf Untersuchungen, die ich im Seminar für Gerontologie zum Thema Lebenszufriedenheit bei Ursula Lehr in Heidelberg kennen gelernt habe.

(Folie zum Abschnitt)

a) Die Ressourcen pflegen

Die Lebenszufriedenheitsforschung sucht international nach Kriterien für Well-Being, Life-Quality und Happiness. Zu deutsch: Wohlbefinden, Zufriedenheit und Glück. In den psychologischen Studien dazu haben sich einige interessante Grundlinien ergeben, die ich ohne sonst in Einzelheiten gehen zu wollen gerne skizzieren möchte.

Die frühere Forschung war im Interesse der Objektivierbarkeit an den äußeren Verhältnissen im Alter sehr interessiert. Man suchte, was man durch Zählen und äußerlich kategorisierbare Merkmale dingfest machen konnte. Faktoren wie die finanzielle Ausstattung, Wohnsituation l;ßigen Niveau entsprechend leben kann oder nicht mehr. Manche sehr gebrechliche Menschen können im Pflegeheim sehr zufriedene Menschen sein und ihr Leben wertvoll finden.

Anzumerken ist freilich, dass vor allem das Gesundheitsthema Schmerz verhältnismäßig stark die Zufriedenheit beeinträchtigt. Der Schmerztherapie kommt da große Bedeutung zu. Die Medizin hat auf diesem Gebiet große Fortschritte gemacht.

Die Lebenszufriedenheit eines Menschen ist demnach weniger von den »harten« Kriterien wie z.B. der Höhe der Rente abhängig als von subjektiven Deutungsmustern. Ein "Ich bin zufrieden" ist viel entscheidender als ein "er kann aus diesen und jenen Gründen zufrieden sein". Diese Zusammenhänge haben mich als Theologen besonders interessiert.

(Folie: Okay! Aus: LCS)

Die Art und Weise, wie Menschen ihr Leben subjektiv deuten und bewerten, bringen sie mit aus ihrer ganzen Lebenserfahrung. Wer Bescheidenheit als sinnvolle Lebensart schätzen gelernt hat, ist auch bei bescheidenen Umständen zufrieden und deshalb mit höherer Wahrscheinlichkeit ein glücklicherer Mensch als solche, die im Geld schwimmen und darüber beispielsweise vereinsamt sind. Die subjektive Zufriedenheit, so zeigte sich, ist für das Wohlbefinden viel wesentlicher als die von Dritten eingeschätzten objektiven Lebensverhältnisse.

»Erfolgreiches Altern«

In der Gerontologie wurde der Begriff vom "erfolgreichen Altern" geprägt. Erfolgreich altert, wer beständig Kompetenzen ausbaut bzw. sich unter den Umständen seines biologischen Alters ein hohes Maß an Kompetenzen erhalten hat. Zum "erfolgreichen Altern" gehört auch, dass man gelernt hat, mit Verlusten umzugehen. Die Verluste im Alter so verarbeiten zu können, dass sie das (in Anführungszeichen:) "erfolgreiche" Grundgefühl nicht kippen lassen. Äußerlich gesehen zeigt sich das erfolgreiche Altern an hohem Alter bei leiblicher und seelischer Gesundheit.

Als Theologe habe ich an diesen Begriff vom "erfolgreichen Altern" durchaus Fragen, weil ich wesentliche Aspekte von dem, was da angesprochen wird, wie hohes Alter und Gesundheit, eben nicht direkt als menschlichen Erfolg bezeichnen möchte. Denn dann wäre ein kürzeres Leben womöglich erfolglos und ein krankes Leben müsste als gescheitertes Leben empfunden werden. Das sehe ich nicht so.

Man darf in diesem Zusammenhang den Erfolgsbegriff nicht mit dem Vergleich mit andern verbinden: Zustimmend kann ich von "erfolgreichem Alter" sprechen, wenn damit gemeint ist, dass ein Mensch die ihm individuell von Gott gegebenen Potentiale erkannt und gepflegt hat und so das ihm Mögliche daraus gemacht hat. Man kann ja die dem eigenen Menschsein gegebenen Möglichkeiten nutzen oder sie verschenken.

(Folie: Vorsorge)

? Durch eine gesunde Ernährung und viel gesunde Bewegung erhält sich die leibliche Lebenskraft besser.

? Durch rechtzeitige Vorsorge können Wohnverhältnisse selbstbestimmt und nachvollziehbar geregelt werden und kann vorgesorgt werden.

? Durch frühzeitige Planung können finanzielle Dinge geordnet werden, die auch soziale Beziehungen betreffen: Das in vielen Familien leidige Problem der Erbverteilung kann frühzeitig überlegt und in gute Bahnen gelenkt werden. Sind die wichtigen Dinge im Leben geregelt, dann lebt es sich leichter und stirbt sich leichter.

(Ich spreche ganz bewusst immer wieder mit meiner Frau darüber, was wäre, wenn einem von uns etwas zustoßen würde. Wir rechnen nicht in naher Zukunft damit. Aber wir wollen mit den notwendigen Gedanken wenigstens ein klein wenig vertraut sein.

In diesen Kontext gehören auch die andern sozialen Themen, die im Alter brennender werden und die immer wieder auch Gegenstand politischer Diskussionen sind. Wir erleben bei uns in Stuttgart einen große Nachfrage nach Vordrucken für Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. Wer sich rechtzeitig mit den Grenzfragen beschäftigt, bevor es konkret wird und die Ängste mit im Spiel sind, der kann das gelassen und abgeklärt tun. Ich kenne keine Untersuchungen darüber, aber ich kann mir vorstellen, dass die Menschen, die früh und ohne konkrete Notwendigkeit ihr Leben ordnen, also die, die früher ans Sterben denken, dass die im Endeffekt länger leben, weil sie bewusster, zufriedener und ruhiger leben können.)

? In diesen Zusammenhang der Planung für die eigene Zukunft möchte ich ein weiteres Ergebnis der gerontologischen Forschungen weitergeben: Die Untersucher versuchten herauszufinden, für welchen Zeitraum ein Mensch seine Zukunft im Auge hat durch konkrete Pläne und wie das dann zur Zufriedenheit in Beziehung steht. Heraus kam, dass Menschen, die bei ihren Gedanken an die Zukunft einen großen Zeitraum überblicken, eher auch noch länger leben. Im Umkehrschluss hat dieser Zusammenhang ganz praktische Bedeutung: Wer noch nicht sterben will, tut gut daran Pläne zu machen. Das hält wach und fit für die Zukunft.

(Folie zum Abschnitt)

b) Ziele haben und erreichen

Wie soll man das nun alles erreichen?

Man kann zweierlei Strategien anwenden, voneinander trennen oder auch miteinander verbinden: Sich konkrete, einzelne Ziele stecken einerseits. Andererseits sich in einen Lebensrahmen begeben, der als solcher förderlich ist und in der Breite das Leben trägt und unterstützt.

Zum ersten, zu den konkreten Zielen: Wir machen die Erfahrung, dass Menschen mit einem Zielmix aus längerfristigeren und kurzfristigen Zielen am besten leben. Auch die Wege, auf denen Ziele erreicht werden, sollten nicht alle gleich sein: Es gibt Ziele, deren Erreichen ausschließlich in der Hand des Betreffenden liegt, z.B. dass er sich für die Reise nach Istanbul auch wirklich anmeldet und sie zu bezahlen bereit ist. Andere Ziele sind nur mit andern zu erreichen, z.B. dass für eine Gruppenfahrt genügend Teilnehmer zusammenkommen. Wieder andere Ziele sind ferner und der Machbarkeit zum größeren Teil enthoben wie zum Beispiel das Ziel, die Goldene Hochzeit in einigen Jahren groß zu feiern.

(Folie Arthur Rubinstein nach: BMFSFJ 1998:77)

Für das Erreichen konkreter Ziele gibt es ein gerontologisches Modell, das ich an dieser Stelle kurz vorstellen möchte (vgl. BMFSFJ 1998:77). Es wird in drei Schlüsselbegriffen zusammengefasst: Selektion, Optimierung und Kompensation. Selektion bedeutet Prioritäten setzen. Die eigenen Möglichkeiten und die Anforderungen der Umwelt werden gezielt als Ressourcen genutzt. Optimierung bedeutet, konzentriert die eigenen Möglichkeiten auszuschöpfen. Kompensation hat einzusetzen, sobald Verluste und Einschränkungen es verbieten, Dinge wie bisher zu machen.

In Bezug auf die Alltagsrelevanz ist das Lebensumfeld bedeutender als die großen Ziele, die man sich vornimmt. Ich möchte es nicht einmal Lebensumfeld, das kann auch konkret verstanden werden. Vielmehr will ich vom »Lebensrahmen« reden, weil ich darin Dimensionen wie Religion und Wertempfinden eingeschlossen sehe. Darauf kommt es mir als Theologe an. Es geht um eine Grundlage, die Leben trägt und unterstützt. Dabei möchte ich hier einen Lebensrahmen ins Auge fassen, der auf unterschiedliche Weise als seniorenfreundlich und für ein gelingendes Altern förderlich gelten kann.

Vielleicht verwundert es, aber mit guten gerontologischen Gründen beziehe ich mich dabei auf den Lebensrahmen des christlichen Glaubens und den Lebensraum »christliche Gemeinde«.

Dass dieser Lebensraum des christlich-kirchlichen Kontextes als Lebensrahmen für gute Chancen auf ein im gerontologischen Sinne »erfolgreiches« Altern gelten darf, trage ich nicht als theologisches Postulat vor, sondern aufgrund der Ergebnisse empirischer Studien. In Deutschland wird Religiosität in der Forschung kaum berücksichtigt, aber aus den USA liegen Studien vor, die zum Teil bei religiösen Menschen mehr Zufriedenheit feststellten. Religiöse Menschen können demnach Krisen öfter besser bewältigen. Vielleicht haben Sie auch die immer wieder mal vorkommenden Zeitungsmeldungen gelesen von Studien, die Kirchgängern ein längeres Leben verheißen. Ich glaube nicht, dass man das allzu theologisch als Belohnung Gottes verstehen darf. Vielmehr ist es so, dass die christlichen Werthaltungen und Gemeinschaftsformen den gerontologisch als förderlich festgestellten Kriterien weitgehend und vor allem umfassend entsprechen. Vieles davon ist natürlich auch auf andere gemeinschaftliche Kontexte übertragbar.

Einige wichtige Merkmale dieses Lebensrahmens möchte ich noch kurz nennen:

? Leben im kirchlichen Kontext ermöglicht Kontakte, Gemeinschaft mit andern Menschen. Das gehört zum Grundlegenden. Wer Kontakte hat und dazu außer Haus muss, bekommt einen Rhythmus ins Leben. Er behält Haltung äußerlich wie innerlich. Diakonie und Caritas haben im kirchlichen Leben ihren Ort und die Nähe zu diesen Hilfsangeboten lässt ruhiger das Kommende erwarten.

? Leben im kirchlichen Kontext hält geistig wach, weil in der Kirche verkündigt und nachgedacht wird und dadurch gesellschaftliche Verantwortung übernommen wird. Daran haben alle Teil, die sich am kirchlichen Leben beteiligen. Leben im kirchlichen Kontext bietet Möglichkeiten zur Betätigung einschließlich der Übernahme von Verantwortung in Beziehung zu Einzelnen und zu Gruppen. Ehrenamtliche Tätigkeit erhält im christlichen Kontext ihren Sinn nicht nur in Bezug auf das Gewinnen von persönlichen Erfahrungen. Sie erschöpft sich auch noch nicht durch die Befriedigung des helfen Könnens andern gegenüber, sondern erfüllt sich auch durch den Gehorsam Gott gegenüber.

? Leben im christlichen Kontext basiert auf einem Werterahmen, der gesundes Leben fördert: Alkohol und anderes im Übermaß sind geächtet und die biblische Tradition lobt generell ein maßvolles Leben. Demut und Bescheidenheit sind traditionell christliche Tugenden. Wer hinnehmen kann und wer sich bescheiden kann, der kann auch unter verlustreichen Verhältnissen Zufriedenheit finden.

? Leben im christlichen Kontext bietet durch den biblischen Glauben ein Sinnangebot, das auch dann noch tragen kann, wenn eigene Möglichkeiten versagen. Wer sein Leben als Gabe des Schöpfergottes verstehen kann, kann wissen, dass er auch dann noch nicht aufgegeben ist, wenn er sich selbst aufgegeben hat. So bietet die christliche Hoffnung einen weiten Horizont für das Leben.

? Bedeutend und durch Studien bestätigt ist auch die hilfreiche Wirkung von Ritualen zur Bewältigung des Lebens. Hier bietet der kirchliche Lebensrahmen besonders viel institutionalisierte Begleitung. Dazu bieten die christlichen Feste im Jahres- und Wochenrhythmus Abwechslung und Motivation dabei zu sein und mitzumachen.

Das nicht Selbstverständliche

Es ist nicht selbstverständlich, die eigene Balance zwischen engagiertem Vorwärtsdrang und wohlverdienter Ruhe zu finden. Eben weil es um eine Balance geht, führt Verkrampfung nicht zum Ziel. Zum Leben gehört, sich Ziele vorzunehmen und gleichzeitig, sie nicht unbedingt erreichen zu müssen. Das gilt nicht erst im Alter, aber dann immer noch.

Auch für die Frage nach den Zielen ist das nicht Selbstverständliche sich die persönlichen Ziele bewusst zu machen und sich dann dadurch zu fördern, dass man sich besonnen fordert. Dazu noch eine wichtige Anmerkung: Immer wichtiger werden Aktivitäten, bei denen der Weg das Ziel ist.

Meditation * Straßennetz * Routenplanung * Fahrstil * Schluss * Literatur

Schluss

Lassen Sie mich zum Schluss Ihnen gratulieren. Ich gehöre als jüngerer Mensch zu einer Generation, die – so zeigten Umfragen – mehrheitlich das Alter für einen der lebenswertesten und erstrebenswerten Lebensabschnitte hält.

Aus heutiger Sicht können Sie als jetzt ältere Menschen beglückwünscht werden. Sie treten in einen Lebensabschnitt, für den Sie persönlich großes Potential mitbringen und für den die gegenwärtige gesellschaftliche Lage große Chancen und Freiheiten einräumt.

Sie gehören einer Generation an, die die meiste Zeit ihres Lebens in einem nach schwerem Krieg im Aufschwung befindlichen Land leben konnte und dabei selbst am Aufschwung und an der verbesserten Lebensqualität Teil gehabt hat. Sie dürfen nach dem Erreichen des Ruhestandes mit einer längeren Wegstrecke aktiven Lebens rechnen. Sie kommen in einen Lebensabschnitt, der noch nicht der letzte ist.

Ich will damit nicht sagen, dass ich jetzt gerne 60 wäre. Dann fehlten mir ja die Jahre dazwischen. Ich könnte nicht wie Sie auf viele erfahrungsreiche Jahre zurückblicken. Und das gehört zu einem guten Alter, dass es selbst »er-altert« ist. Im Alter leben bedeutet ja nicht völlig neu anzufangen, sondern mit der geleisteten und erlittenen Erfahrung vieler Jahrzehnte umzugehen und sie für sich weiter fruchtbar zu machen.

Adresse:

Gunther Seibold, Pfr.z.A. und Dipl.-Ing.
Treffpunkt Senior Stuttgart
Rotebühlplatz 28
70173 Stuttgart
Tel. 0711-616099
Mail: gunther.seibold@ev-akademie-boll.de

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Literatur und Herkunft der Abbildungen

Baltes 1992

Baltes, Paul B.; Baltes, Margret M.: Gerontologie. Begriff, Herausforderung und Brennpunkte. Ursula (Hgg.); in: Ders.; Mittelstraß, Jürgen; Staudinger, Ursula M. (Hgg.): Alter und Altern: Ein interdisziplinärer Studientext zur Gerontologie; Berlin 1992 (Stud.Ausg. 1994); 1-34.

Berger & Gerngroß 1994

Berger, Gerhard; Gerngroß, Gabriele: Die neu gewonnene Freiheit. Vier Modelle für erfolgreiches Altern; Stuttgart 1994.

BMFSFJ 1998

Pohlmann, Stefan; Meves, Hanka; Axmann, Dorothea: Eine Gesellschaft für alle Lebensalter. Beiträge zum Internationalen Jahr der Senioren 1999; Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 172; Stuttgart [...] 1998.

BMSFSJ 2001

Dritter Bericht zur Lage der älteren Generation. Stellungnahme der Bundesregierung. Bericht der Sachverständigenkommission; Berlin 2001.

Dinkel 1992

Dinkel, Reiner H.: Demographische Alterung: Ein Überblick unter besonderer Berücksichtigung der Mortalitätsentwicklungen; in: Baltes, Paul B.; Mittelstraß, Jürgen; Staudinger, Ursula (Hgg.): Alter und Altern: Ein interdisziplinärer Studientext zur Gerontologie; Berlin [...] 1994 (=1992); 62-93.

Ehmer 1990

Ehmer, Josef: Sozialgeschichte des Alters; Neue Historische Bibliothek n.F. 541; Frankfurt a.M. 1990.

GEO 1991

GEO Wissen: Altern + Jugendwahn; Heft 1/1991.

Kroner 1995

Kroner, Ingrid: Wohnen im Alter in kleinen Landgemeinden. Modellbaustein "Das Dorfhaus für Senioren"; in: Dorfentwicklung für die Ältere Generation. Konzept eines Dorfhauses für Senioren; Hg. vom Ministerium für den ländlichen Raum BW; Dorfentwicklung; Stuttgart 1995; 15ff.

LCS

Löwensteiner Cartoon Service.

Lehr 1996

Lehr, Ursula: Psychologie des Alterns; UTB 55; Wiesbaden 8. Aufl. 1996 (<1972).

Myers & Diener 1995

Myers, David G.; Diener, Ed: Who ist happy?; in: Psychological Science 6(1995)10-19.

Oswald 2000

Wolf D. Oswald: Psychologische Alter(n)shypothesen; in: Becker, Susanne; Veelken, Ludger; Wallraven, Klaus Peter (Hgg.): Handbuch Altenbildung. Theorien und Konzepte für Gegenwart und Zukunft; Opladen 2000; 106-117.

Schölkopf 2000

Schölkopf, Martin: Demographische Entwicklung; in: Becker, Susanne; Veelken, Ludger; Wallraven, Klaus Peter (Hgg.): Handbuch Altenbildung. Theorien und Konzepte für Gegenwart und Zukunft; Opladen 2000; 50-60.

Seibold 1992

Seibold, Gunther: Dorfraum für alte Menschen; Vertiefungsarbeit an der Fakultät für Architektur und Städtebau der Universität Stuttgart; Stuttgart 1992.

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